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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Ungeachtet unserer Proteste und ohne viel Federlesen wurden wir wieder eingepackt und zunächst nach Skoplje zurückgefahren, dort in ein altes türki­sches Gefängnis eingeliefert. Ein zweistöckiger Bau, aus Lehm und Holz gebaut, mit einer drei Meter hohen Lehmmauer; fast romantisch von außen anzusehen, auch von innen, aber da machte mir die Romantik gerade keinen vertrauenerweckenden Eindruck. Zu Seiten der Treppe, die ich hinauf mußte, hingen große, schwere Eisen und Ringe, die man wahrscheinlich den Schwer­verbrechern um den Hals oder an die Füße schmiedete. Auch erblickte ich einen derben Farrenschwanz; demnach gab es in dieser menschenfreundlichen Anstalt auch Schläge.

Glücklicherweise wurde es hier nicht so schlimm, wie der erste Anschein vermuten ließ. In der Zelle, die mir zugewiesen wurde, hockten auf dem von Ratten und Mäusen durchlöcherten Fußboden sechs Muselmänner, in ihren weißen Tüchern eingewickelt. Ich betrachtete sie etwas argwöhnisch. Sie sprachen nichts mit mir, doch wandte sich der eine und andere mal freundlich mir zu, und dann reichten sie mir Brot, Schafkäse und Weintrauben. Es war friedlich und angenehm in diesem kargen Raum wie in einer Klosterzelle. Bald darauf ließ mich der Gefängnisaufseher rufen; er war sehr nett zu mir, lud mich zum Abendessen ein, und ich unterhielt mich noch eine Weile mit ihm. Mit meinem Serbisch kam ich bereits ganz gut durch. Nachts kehrte ich dann in meine Zelle zurück. Die Muselmänner saßen immer noch auf demselben Fleck wie Gespenster. Sie sprachen jetzt nicht mehr miteinander; vielleicht waren sie ins Gebet vertieft.

Hier hätte ich es schon ein paar Wochen ausgehalten, aber es war meines Bleibens nicht lange. In der dritten Nacht wurde ich von serbischen Grenz­polizisten abgeholt. Diesmal ging es, wie sie mir auf Befragen mitteilten, an die ungarische Grenze. Etwa dreihundert Kilometer. Eine Tagesfahrt. Abends waren wir an Ort und Stelle. Die Soldaten brummten etwas, und ehe ich es mir recht versah, stand ich allein auf weiter Flur. Verloren und verlassen in un­bekanntem, fremdartigem Gelände. Ich wanderte ein paar Stunden plan- und richtungslos durch Steppenlandschaft; es mochte wohl eine Gegend der ungarischen Puẞta sein. Im Morgengrauen irrte ich noch lange umher, bis ich endlich auf eine Straße kam, die zu einem Dorf am Balaton- See führte. Von dort nahm mich ein Auto mit nach Budapest . In der ungarischen Hauptstadt

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