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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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bilden. Anständige Menschen im Volk müßten sich schämen, so etwas zu dulden.

Kann jemandermessen, was es heißt, dreißig Tage lang in einer solchen Tag- und Nacht-Dauerfolter leben zu müssen? Welche Körper- und Seelen- qualen man da aushalten muß? Groß ist das unvermeidbare Leid in der Welt, noch größer das vermeidbare. Es ist ein trauriges Kapitel in der Menschheits- geschichte, daß es zu allen Zeiten so viel Leid, Kummer, Qual und Elend gegeben hat, das hätte vermieden werden können. Unter gruseligen Gefühlen hatte ich mir als Junge manchmal vorgestellt, wie es den Sklaven und Galeeren- sträflingen zumute gewesen sein und was sie gelitten haben mußten; es war aber immer bei verschwommenen und undeutlichen Vorstellungen geblieben. Jetzt konnte ich von mir sagen, daß ich derartige Leiden und Qualen schon selber durchlebt hatte. Noch hatte ich keine Ahnung, daß einmal die Zeit kommen würde, wo ich die tiefsten Abgründe der Leiden durchmessen sollte, die Menschenleiber und-herzen bisher erfahren haben.

Auf meine Anfrage bei der Gefängnisleitung erhielt ich die Auskunft, daß man die Gelegenheit des Weitertransports abwarten müsse; deshalb der ver- zögernde Aufenthalt im Polizeigefängnis. Mein Einwand, daß ich doch frei- gesprochen und darum nicht als Gefangener zu behandeln sei, wurde nicht beachtet.

Endlich kam der Tag, an dem sich das Tor für uns wieder öffnete. Wir wurden auf einen Lastkraftwagen verladen und in Richtung griechische Grenze transportiert. Nach zwei Tagen kamen wir dort an, wurden der Grenz- gendarmerie übergeben. Es entspann sich sofort ein wildes Geschrei zwischen unseren Polizisten und den Grenzbeamten, die offenbar mit dem Schub nicht einverstanden waren. Aber unsere Polizisten machten kurzen Prozeß, setzten uns ab und fuhren eilig davon. Da standen wir erst mal einen halben Tag frierend und ausgehungert umher. Dann erklärte uns ein Beamter kurz und bündig, daß die griechische Grenze zu stark von Militär besetzt sei und daher keine Möglichkeit bestehe, den Schub hinüberzubringen. Also auch die Re- gierungen arbeitetenillegal, denn ihre Beamten waren ja angewiesen, un- erwünschte Elemente auf Schleichwegen über die Grenze ins Nachbarland

abzuschieben.

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