Druckschrift 
Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
Seite
137
Einzelbild herunterladen

Ich war kaum imstande, mich zu beherrschen und meine furchtbare innere Erregung zu verbergen.

Mein Gott, was sollte denn nun werden, welche schreckliche anonyme Macht stellte sich mir plötzlich in den Weg, um mich und mein Lebensglück zu zerstören?! Ich lief lange in den Straßen von Marseille umher, nicht fähig, einen klaren Gedanken oder Entschluß zu fassen. Koste es was es wolle, ich mußte die Papiere haben, die über mein ferneres Leben entscheidend sein würden. Ich beschloß, so lange wie möglich in Frankreich zu bleiben, um viel- leicht doch auf Umwegen nach Paris zu kommen und dort die lebenswichtigen Dokumente zu holen.

Mit Nathusius und Kübler beratschlagte ich, was zu tun sei. Den beiden war auch durch die französischen Behörden ein Strich durch die Rechnung ge- macht worden. Sie hatten Reisepläne gehabt, die sie nun nicht ausführen konnten. Wir beschlossen, an der Riviera entlang nach San Remo zu reisen. Nathusius hatte stets eine Unmenge Gepäck bei sich, Dutzende von Koffern, Köfferchen und Schachteln, Mappen, Gegenständen, Behältern und Dingen von unmöglichem Format. Den Transport seiner Sachen zu organisieren, war jeweils ein Kunststück für sich.

In Monte Carlo suchte Nathusius das Spielkasino auf und setzte sich ans Roulette. Ich ging aus Neugierde mit und sah zu. Ich hatte keinerlei Interesse fürs Glücksspiel. Aber es ergriff mich doch eine gewisse Spannung, als ich die Kugeln rollen sah und die fiebernde Teilnahme der Spieler an den Tischen bemerkte, die gleißende Aufmachung dieses gefährlichen Betriebs und das grelle Licht, in dem sich das turbulente Gewimmel abspielte. Wie eine Gottheit thronte am anderen Ende des Tisches die elegante Figur des Croupiers, kalt, höflich, unbewegt und wiederholte monoton seinMesdames et messieurs, faites votre jeu!;

Nathusius spielte mit Glück vom ersten Einsatz an. Mindestens zwanzigmal hintereinander strich er große oder kleine Beträge ein. Dann kam ein kleiner Rückschlag. Er büßte eine geringe Summe ein. Sofort erhob er sich. ‚Cela suffit, sagte er kurz und schob die Banknoten in seine Rocktasche.

Wie? sagte ich erstaunt und fast ärgerlich.Sie haben Glück heute. War- um nützen Sie es nicht aus? Es ist klar, daß man zwischenrein auch mal ver- liert. Deswegen gibt man doch nicht auf.