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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Ich dachte viel über das Wunder der Liebe nach, wie ich bei Tete ganz zu meinem Ich gekommen, ganz zum Menschen geworden war. Ohne sie würde ich wieder in die Nichtigkeit und das Unerfülltsein eines gewöhnlichen Lebens zurück­sinken. Der Gedanke verursachte in mir Beklemmung, daß ich von Tete einmal getrennt werden, in die Unerbittlichkeit des feindlichen Lebens hinausgestoßen würde, in ein Dasein, das dann nicht mehr ein Kreuz und ein Quer auf der Suche nach Erfüllung sein konnte, sondern nur noch ein ahasverisches Umherirren.

Ich beratschlagte mit Tete, wie ich mich hier seẞhaft machen und arbeiten könne. Sie ging mit mir zu ihrem Vater, bei dem ich gleich anfangs einmal gewesen war. Mit leisem Bangen hatte ich mich ihm das erstemal genaht. Wie würde er meine Bekanntschaft mit seiner Tochter aufnehmen? Er hatte mich sehr freundlich empfangen und mich eingeladen, wiederzukommen.

Er war ein großer, stattlicher Herr, eine vornehme Erscheinung. Sein grau­meliertes Haar stand ihm gut zu dem scharfgeschnittenen, ausdrucksvollen Gesicht. Der alte Herr lebte sehr zurückgezogen, hatte eine schöne, völker­kundliche Sammlung der Südsee- Inseln, und trieb allerlei Studien. Er hatte eine gütige, etwas müde Art zu reden. Seine tahitianische Frau hatte er wohl sehr geliebt, es war, als traure er noch um die vor anderthalb Jahrzehnten bereits Verstorbene, sein ganzes Wesen war von Melancholie und leiser Trauer umschattet. Auch seiner Tochter war er sehr zugetan, er hätte ihr sicher keinen Wunsch versagen können. So nahm er mich herzlich auf, als sie erklärte, sie wolle mich heiraten, und in seinem ganzen Benehmen mir gegenüber ließ er keinen Zweifel, daß er mit der Wahl seiner Tochter einverstanden sei. Er unterhielt sich mit mir gern in seiner französischen Muttersprache, und unser Verhältnis zueinander war ein fast kameradschaftliches.

Als ich jetzt mit Tete kam, um mit ihm über mein endgültiges Verbleiben auf Tahiti zu sprechen, machte er es mir leicht und bot mir an, sein Teilhaber zu werden. Er hatte keinen männlichen Erben und auch sonst keinen Ver­wandten, der nach seinem Tode oder noch an seinem Lebensabend seine Plantage und sein Koprahandelsgeschäft hätte übernehmen können. Er freute sich herzlich, einen Schwiegersohn zu bekommen, dem er vertrauen und sein Lebenswerk zur Weiterführung übergeben konnte.

Den Rückweg zu unserem Bungalow begannen wir in gehobener Stimmung. Es war alles nach Wunsch gegangen. Ich hatte meine Arbeit, mit der ich gleich

Kunter- Wittmann, Weltreise 9

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