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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Ich kam mir vor wie der cherubinische Wandersmann bei meinen Ausflügen auf der Insel. Ich befand mich hier in einer glückseligen Harmonie mit der Natur und dem Unendlichen.

In frohen und guten Gedanken schritt ich dahin. Aber einmal geschah mir unerwartet etwas Schlimmes, das mich lange bedrückte. Ich stieß auf eine umzäunte Ansiedlung, die ich umgehen wollte. Da, in einem Winkel sah ich es, das Grausige: Leprakranke. Verdammte, die an gräßlichem Aussatz dahin­siechen, hier einem hilfe- und gnadenlosen Verenden ausgesetzt. Gebannt starrte ich eine Weile auf eine Gruppe mißgestalteter Männer, Frauen und Kinder, deren Glieder bei lebendigem Leibe verfaulen. Ohne zu wissen, ob es einen Sinn habe, wühlte ich meine Taschen durch, warf Geld, Zigarren und Süßigkeiten hinein und flüchtete dann vor dem scheußlichen Anblick. Wie gehetzt rannte ich davon, atemlos erst nach langer Zeit haltmachend.

Ich war ganz verstört von diesem Erlebnis. So nahe liegen also Paradies und Hölle beieinander! Das gibt es alles gewissermaßen in einem Atemzug: höchste Reinheit und Schönheit, und daneben den Gifthauch des Todes, Häßlichkeit, Kloake. Ja, die Paradiese Gottes und des Teufels mischen sich auch sonst in der Welt manchmal auf eine erschreckliche Weise.

Auch später dachte ich oft an die Unglücklichen in der Leprastation zurück. Ich werde innerlich nie von dem schrecklichen Anblick ganz loskommen. Lange sann ich darüber nach: wenn man doch eine wirkliche Aufgabe hätte im Leben! Das Höchste mußte es sein, wenn man anderen helfen konnte. Glück­lich der Mensch, der vielleicht sein Leben damit zubrachte, ein Heilmittel gegen eine so furchtbare Krankheit wie Lepra zu suchen. Wie wunderbar auch, daß es Menschen gab, die freiwillig in eine solche Schrecknis gingen, um mit tätiger Nächstenliebe zu helfen!

Ich eilte zu Tete zurück, bei ihr Trost zu suchen. Sie bemerkte gleich meine tiefe innere Erschütterung und suchte mich zu beruhigen. Ich schmiegte mich eng an sie und sagte leise, beschwörend: Du darfst mich nie allein lassen, Tete. Ich will nie mehr ohne dich sein. Ich habe heute zum erstenmal Furcht bekommen vor der Welt, vor dem, was uns allen an Schrecklichem zustoßen kann. Unerbittlich ist das Schicksal, grausam allein ist der Mensch, preis­gegeben, schutzlos. Aber wenn du bei mir bist, kann mir nichts geschehen."

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