Druckschrift 
Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
Seite
127
Einzelbild herunterladen

Auch nachts sperrten wir Türen und Verschlüsse meist weit auf. Die bal­samische Nacht wehte dann zu uns herein und umfächelte uns wonnig. Wir atmeten tief und selig ein wie die Blumen und Pflanzen draußen, die sich weit dem Balsam öffneten, die Orangen, Zitronen, Bananen, Kokosnüsse, Papajka, Majorée, Jasmin und Mango. Betäubend süßer Duft umfächelte uns, lau und zärtlich. Alles atmete und verströmte sich in einer seligen Lust. Unsere Liebe fand in der dionysischen Entfaltung dieser Nächte höchste Erfüllung.

Von fernher klangen Musik und Gesang der Eingeborenen, es war alles traumhaft, unwirklich schön und tief. Der Himmel schien nähergerückt zu sein. Ich lauschte. Es war mir, als töne Sphärenmusik an mein Ohr.

Ruhig und tief war mein Schlaf. Morgens, wenn ich erwachte, trat Tete an mein Bett und reichte mir einen Trank, ein Gemisch von Zitrone, Rum und Ei und allem möglichen, ein kräftiges, belebendes, würziges Getränk, ein wahres Elixier. Dann saß ich mit ihr am Frühstückstisch. Es gab reichhaltig ungeahnte Leckerbissen nach tahitianischer Art. In Vanille, Zimt und Butter gebackene Bananen, Früchte, Papoja, Mango, Majorée, es war jedesmal ein Fest des Schlemmens. Kokosmilch und eine Art Brotfrucht, kräftig und wohl­schmeckend. Ich gewöhnte mir bald an, mit Tete nach tahitianischem Brauch zu essen, ohne Messer und Gabel, nur mit den Fingern. Besonders delikat waren auch die Fische, die auf verschiedene Art zubereitet wurden, einzelne mari­niert mit Mayonnaise, deren Hauptbestandteil die aus geraspelter Kokosnuf gewonnene Milch ist.

Zuweilen, aber nur selten, ging ich morgens allein, ohne Tete, weg, machte Streifzüge kreuz und quer in die nähere Umgebung. Ich besuchte dann wohl in abgelegenen Gebieten die zurückgezogen lebenden armen Eingeborenen­familien, die mich freundlich aufnahmen und mir zeigten, wie sie wohnen und schlafen. Ziemlich primitiv. Sie brauchen nicht viel zum Leben und müssen auch nicht viel arbeiten, um zu leben. Die Früchte wachsen ihnen in den Mund hinein, und der Fischfang macht auch nicht viel Mühe. Sie schlafen auf selbstgeflochtenen Matten. Einrichtungsgegenstände und Geräte gibt es nur wenige. Kindhafte Menschen in diesem Garten Eden, lammfromm und ohne Arg, triebhaft wie Pflanzen lebend. Ihre Arbeit ist mehr ein Spielen, sie verbringen ihre Tage im süßen Nichtstun, ihre liebste Beschäftigung ist Gesang und Tanz. Mit Blumen und Pflanzen leben sie ihr naturhaftes Dasein.

127