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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Umgebung, in die Luft und den Lärm ihrer Städte. Es wird ihnen langweilig. Das Klima bekommt ihnen nicht, weder äußerlich noch innerlich. Es sind die Menschen, die begeistert von der Schönheit eines alten romantischen Bauwerks schwärmen, ja sogar eine Zeitlang darin wohnen, dann aber doch schleunigst in ihre moderne Vierzimmerwohnung zurückgehen, und zwar in erster Linie darum, weil fließend Wasser und WC. darin ist.

Mir ging es anders. Ich fühlte mich heimisch auf diesem Boden, es war eine Luft um mich, die mir körperlich und seelisch zuträglich war; es kam mir vor, als sei ich erst jetzt auf meinen eigentlichen Platz an der Sonne gestellt worden, an dem ich Wurzel schlagen konnte. Ich fing von innen heraus zu leben an. Ich fühlte mich wie verwandelt, wie neugeboren. Mein Instinkt ließ mich glauben, ich sei schon tausend Jahre hier, es war wie ein Erinnern an eine Urheimat, die mich nach langem Fernsein wieder aufgenommen hatte.

Ich überließ mich ganz der Wonne des neuen Lebens. Wie eine Pflanze entfaltete ich mich, die nicht nach Zeit und Stunde fragt. Die Tage gingen und schwanden, einer schöner als der andere. Ich führte mit Tete ein Leben in der Natur. Wir waren manchmal tagelang unterwegs. Braundunkel dehnten sich die riesigen Flächen der Wälder; wir zwei Menschlein standen verloren im Geheimnis des Waldes, der hier nicht Düsterkeiten und Schrecknisse hatte. Wir verfielen ganz seinem bannenden Reiz. Er wurde uns zum Zauberwald, zum Umkreis unserer Liebe, deren Phantasie unendlich beschwingt wurde. Durch Tete lernte ich den Wald kennen, die Pflanzen, die Tiere, das Meer. Einen großen Teil meines Daseins hatte ich auf dem Meer verbracht, ich hatte es nicht erlebt, nichts von ihm gewußt. Wir kletterten am Strand umher, wie fingen Fische, sie tauchte und brachte unwahrscheinliche Dinge hervor, Lebewesen, ob Pflanzen oder Tiere, was weiß ich. Sie kannte die Ver­stecke der Schildkröten und der Salamander. Sie schlängelte sich mit mir durch Brandungen, auf Wegen, die in bizarre Höhlen führten, in denen es wunder­bar rauschte; Muscheln, in denen sich das ganze Leben und Weben des Meeres gefangen hatte. Wie die ersten Menschen waren wir, gedankenrein und keusch. Über allem Naturerlebnis lag der Zauber unserer Liebe. In para­diesischer Nacktheit überließen wir unsere Körper den Wogen. Es war eine unaussprechliche Wonne, sich dem nassen Element frei hinzugeben; es war, als verströme man im Strom des Lebens. Manchmal waren wir den ganzen

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