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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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schließlich in die zynische Pose eines Lebemannes hineingerettet hatte, das nutzlose Wrack seines Lebens müde durch Bars und Amüsierlokale schleppend.

Wir fuhren zurück. Er legte ein wahnwitziges Tempo drauf; der Wagen sauste in halsbrecherischer Fahrt dahin. In einer halben Stunde waren wir wieder in Christobal- Colon. ,, Komm mit zu mir hinauf!" sagte er. Ich erzähl dir was.

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Er mischte oben einige Cocktails. Wir tranken lange und schweigend, er war in seine düsteren Gedanken vertieft, ich wollte ihn nicht stören.

Er hatte sein Glas vor sich, saß gebückt in dem Ledersessel und stierte zu Boden. So erzählte er mir die Geschichte des Kanals und seiner Lieben. Er sprach mehr zu sich selber, ganz in seine qualvollen Gedanken versponnen. Seine Lippen bildeten keine ganzen Sätze. Er setzte nur einzelne Worte neben­einander, die sich zu eindrucksvollen Bildern und dramatisch bewegten Szenen formten.

,, Ja, mein Junge, wenn du so glatt durch den Kanal fährst, weißt du gar nicht, wieviel Blut darin mitfließt. Man weiß, der Erbauer des Kanals war Lesseps und nach seiner bösen Niederlage der und der. Man kennt den Panamakanal, hat gelesen von den großen Durchstechereien, den finanziellen und politischen Sensationen, den verschobenen Aktienpaketen, den Intrigen und Betrügereien, den Machenschaften der Kapitalisten und Glücksritter. Aber was sonst an Qual und Leid hinter dieser Großtat menschlichen Könnens steht, davon wissen nicht viele etwas, im allgemeinen nur die, denen es selber ans Leder ging. Aber das muß wohl so sein in der menschlichen Geschichte. Das Große und Nützliche ist immer auf Blut und Tränen aufgebaut worden. Der Mensch von heute staunt über die Weltwunder von Menschenhand und denkt dabei nicht der Opfer, die sie gekostet haben."

So redete er eine Weile voller Bitterkeit von der seltsamen Verschwisterung menschlicher Unzulänglichkeit und Gemeinheit mit menschlicher Genialität und Schöpferleidenschaft. Dann verfiel er wieder lange in Schweigen und Trinken, bis er fortfuhr und nun ein farbiges Bild vom Kanalbau selbst entwarf.

Eine packende, dramatische Szene entstand vor meinem Geist, ein gewaltiger Akt von schöpferischer Einmaligkeit, eine Symphonie von Tatkraft, Größe, Leid und grandioser Turbulenz. Das ganze Register menschlicher Leiden­schaften und Laster, Dämonien und Triebe entfaltete sich in diesem Drama,

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