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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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in diesem undurchdringlichen Dickicht die Haut in Fetzen zerrissen und wäre schließlich elend darin hängengeblieben.

Ich blieb liegen und wartete geduldig. Es war mir sterbenselend zumute. Der Schädel brummte mir, ich konnte nicht klar denken. Es wurde mir noch bewußt, daß ich krank und verlassen am Rande des Urwalds liege, doch war ich in dieser Stunde nicht fähig, den Ernst meiner Lage zu erfassen.

Nach einer Weile tauchte der Indianer wieder auf. Ich muß gestehen, dies­mal kam er mir wie ein Sendbote des Himmels vor. Ich spürte instinktiv, daß ich mich in Not befand und dieser Mann mir Hilfe brachte. Er schnitt wieder eine lächelnde Grimasse, breit und häßlich, aber mir schien es mild und wunderbar wie das süße Lächeln einer Madonna von Murillo. Er hatte unter dem Arm ein Fell zusammengerollt. Er breitete das Fell aus. Es kam eine selbstgeflochtene Matte und eine Schale mit einem Getränk zum Vorschein. Er setzte die Schale an meine Lippen. Ohne Arg und gierig trank ich die eigentümlich schmeckende Flüssigkeit. Er breitete die Matte aus und bettete mich darauf. Ich ließ alles willig mit mir geschehen wie ein Kind, das von der Mutter behütet und versorgt wird. Zuletzt deckte er mich mit dem Fell zu. Er sprach freundlich und heiter zu mir, eifrig gestikulierend. Beim Sprechen machte er auch Zeichen mit den Fingern. Da wußte ich, er drückte sich in der Sprache der Guany aus, von der ich schon erfahren hatte. Bei dieser Sprache ergänzen sich Laute und Zeichen zu einer einheitlichen Ausdrucks- und Ver­ständigungsform. So nahm er das Ohr zwischen Daumen und Zeigefinger und sagte das Wort Dagie". Aus dieser Geste und dem Wort und seinem ganzen Gebaren glaubte ich entnehmen zu können, daß er das Wetter sehr schön finde. Also eine Gesprächseinleitung, wie sie bei uns in Europa auch üblich ist.

Ihm machte anscheinend der tropische Regen nicht viel aus. Im Gegenteil, er freute sich dessen, und er benutzte die Gelegenheit, ein Bad zu nehmen und seine nackte schmutzige Haut zu reinigen.

Mein Körper, durch die vielen Strapazen geschwächt, streckte sich wohlig auf der Matte aus. Ich schlief sofort wieder ein. Wie lange, weiß ich nicht. Es mußte aber bestimmt ein sehr langer und fester Schlaf gewesen sein, der mich erquickte und einem ernstlichen Krankwerden vorbeugte.

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