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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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zurückkehren und das nächstemal berichten, daß er nicht nur für sich in der großen Welt, sondern auch für Großdeutschland etwas getan hat!"

Ich war peinlich berührt von dieser Ausnutzung eines gemütlichen Zu­sammenseins zu politischen Zwecken. Der Inhalt der Rede, aber auch die ganze Art und Weise, wie diese Propaganda getrieben wurde, war mir höchst unangenehm. Der Ton war plump und aggressiv; ich empfand diesen Stil als taktlos und mußte befremdet feststellen, daß die übrigen Anwesenden klatschten und anscheinend nichts gegen das pöbelhafte Benehmen einzuwenden hatten. In den folgenden Wochen bekam ich dann noch manche Stilprobe derartig massiver, das Anstandsgefühl verletzender Propagandamethoden. Ich hatte mit meinem Bruder eine Aussprache darüber. Im Verlauf des Gesprächs entwarf er ein Bild des neuen Deutschland , das mich hell entsetzte. Ja, wenn das so ist", sagte ich ,,, dann gibt es in Deutschland nicht nur die berüchtigten Kon­zentrationslager, sondern Deutschland selbst ist ein einziges Konzentrations­lager! Das ist doch alles Willkür und Rechtlosigkeit. Wie könnt ihr euch von solchen Phrasen speisen lassen, die euch ein freies und schönes Deutschland vorspiegeln, während ihr in tiefster Entrechtung und Erniedrigung lebt."

Mein Bruder gab das seufzend zu. Aber er zuckte die Schultern. ,, Was willst du dagegen tun? Wenn du Kritik übst oder eine abfällige Bemerkung machst, wirst du ohne Urteil und Gesetz eingesperrt. Du mußt vorbehaltlos und bedingungslos mit dem Strom schwimmen, sonst geht's dir schlimm."

Ich war tief empört darüber, daß ein Staat Menschen so vergewaltigte. Grimm und Abneigung gegen ein System, das derart brutal Menschenrechte und geistige Freiheit unterdrückte, stiegen in mir auf.

Mein Aufenthalt in der Heimat fiel in die Wochen, als Hitler seine auf­sehenerregende Gewalttat gegen seine vertrautesten Anhänger und gleichzeitig gegen die andersgesinnten Widersacher beging. 30. Juni 1934. Ich stand starr vor Grauen über so gemeinen Mord, den der Unhold in einer Rede noch zu glorifizieren wagte. Diese Rede war so voller Widersprüche und durchsichtiger Rechtfertigungsversuche, daß mir der Ekel im Hals heraufstieg. Es mußte doch jeder denkende Mensch merken, was hier gespielt wurde, daß die wüsten An­schuldigungen und Verleumdungen Hitlers an den Haaren herbeigezogen worden waren, um eine fadenscheinige Begründung für sein Verbrechen zu konstruieren. Die Rede triefte von Gemeinheit, Schamlosigkeit und Verlogen­

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