Einmal nahmen mich die beiden Brüder mit in ihre Wohnung. Die Schwester Resi gesellte sich zu uns. Sie war ein hübsches, dunkelhaariges Mädchen von südlichem Typ. In der Tiefe meiner Seele regte sich beim Anblick dieses Mädchens ein Gefühl, wie ich es bisher nicht gekannt hatte. Ich hatte vom ersten Augenblick an eine Zuneigung zu ihr, den Wunsch, ihr nahe sein zu dürfen. Es blieb auch in der Folgezeit so zwischen uns. Wir fühlten uns rein menschlich zueinander hingezogen, die sinnlichen Regungen traten demgegen- über zurück. Dieser Funke gegenseitiger Zuneigung glimmte in uns beiden gleichzeitig auf, manchmal loderte dieser Funke zur Flamme empor. Wir waren wie zwei Geschwister.
Die Stunden verliefen sehr angeregt und gesellig, ich kam ins Erzählen. Und ich weiß, wenn ich meine gute Stunde habe, erzähle ich gut und anschaulich, dann wird der Traum in mir lebendig, und alles gewinnt Farbe, Duft und Gestalt. Resi Hubmann saß dicht bei mir, sie hing an meinem Munde und war ganz in meinen Bericht versponnen.
Ich verabredete mich mit Resi für den folgenden Tag. Wir wanderten hinaus in den Wald. Es war eine schöne Harmonie zwischen uns, ein Gleichklang zweier Seelen. Wir waren nun fast täglich beieinander. Das reine und schöne Verhältnis blieb wie es war. Es kam nicht zu einem leidenschaftlichen Begehren, führte nicht zu der an sich natürlichen Entwicklung, die meist in solchen Ver- hältnissen einzutreten pflegt.„Ich bin glücklich, wenn ich nur bei dir sein darf”, sagte sie einmal schlicht und herzlich.„Es ist schön und gut bei dir. Ich höre dich auch so gern erzählen. Du hast alles wirklich erlebt, was ich bisher für Phantasie hielt, die Welt ist so weit und wunderbar. Du bist für mich ein Bote aus einer schöneren Welt...“
Sie stand da, den Blick in die Ferne gerichtet, sehnsüchtig verträumt wie eine Madonna. Mich rührte das liebe, kindliche Wesen des Mädchens, ich legte zart den Arm um sie. Wie hätte ich ihr Vertrauen mißbrauchen, wie sie aus ihren Träumen herausreißen dürfen!
In mir erwachte der Wunsch, Schützer und Beschirmer eines solchen elfen- haften Wesens zu sein, sie vor der rauhen Nüchternheit und Feindseligkeit dieses Lebens zu bewahren. Eine Zeitlang spielte ich mit dem Gedanken, sie zu heiraten. Merkwürdigerweise konnte ich mich jedoch mit diesem Gedanken nicht recht vertraut machen. Ich war ein Mensch, der unsicher und gefahrvoll
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