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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Geist herrscht, wo man Mensch unter Menschen ist, wo dem Gast nach einem guten Gespräch bei einem Glase Wein bleibe" gesagt wird, das ist mir alles wert, danach steht mein Sinn mehr, als in Palästen und Luxushotels als ver­mögender und einflußreicher Mann zu residieren.

,, Ich bin Weinhändler", sagte der Mann, komme du zu mir, ich habe Arbeit für dich".

Der Weg wurde schmaler. Wir kamen spät in einem abgelegenen Dörfchen im Gebirge an. Die Luft war rein und leicht. Ich war heiter und zufrieden, schlief unter dem Dach des Weinhändlers, es gefiel mir, ich blieb bei ihm. Ich erklärte ihm das, noch ehe ich sein Töchterchen kennengelernt hatte. Ich kann mir kaum denken, daß ich jemals im Leben meine entscheidenden Ent­schlüsse unter der Einwirkung einer Frau gefaßt habe, außer auf Tahiti , wo Tete lebte, die Frau meiner Träume. Ich war für sie geboren worden und sie für mich.

Aber Lucia war sicher daran schuld, daß ich länger in St. Virigio de Vernio blieb als ich vorhatte. Sie brachte mir Italienisch bei, aber sie brachte mir auch bei, wie ein italienisches Mädchen küßt und liebt. In Italien lernte ich Trunken­heiten kennen, die ich bisher nicht gekannt hatte. Feurige, edle Trunkenheiten ohne Betrunkensein. In der Osteria abends beim feurigen Asti oder Chianti, und dann bisweilen in den Armen Lucias, Küsse und Liebkosungen. Heiß und schwül waren in St. Virigio die Tage und Nächte, und doch so leicht und beschwingt. Sommer und Herbst wie eine schöne Melodie, süß und un­beschwert, das Lied der Lebensfreude. Ich wanderte mit den Burschen und Mädels abends durch den Ort, Arm in Arm, hinaus ins Tal, fröhlich plauderná und singend. Wein, Weib, Gesang, diese Kostbarkeiten des Lebens, auch hier, in schöner Harmonie.

Ich genieße den Reiz des einfachen Lebens, das sich nicht in Lüsten und Gelüsten verzehrt. Man wünscht hier einfach nicht mehr; man hat Genüge im Kleinen. Die Wogen der Leidenschaft gehen zwar manchmal hoch, aber sie haben keine Tiefe. Das Wasser wird nach einem leidenschaftlichen Aufruhr wieder spiegelglatt.

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Auf die Dauer war mir das Temperament Lucias nicht angenehm. Meine Zeit in diesem Idyll war um, ich mußte weiter.

Lucia vergoẞ heiße Tränen. Ich sprach ihr gut zu, trocknete ihre Tränen,