Armselig und erbärmlich war ihre Kindheit und doch schön. Wenn Tante Tina zu erzählen anfing, vom Himmel im Hochgebirge und brombeerfarbigen Bergketten, von Felsenzacken im ewigen Schnee, von Gewittern, Lawinen und Sturzbächen, von den launischen Ziegen, die sie hüten mußte, von Ziegenmilch und Ziegenkäse, dann wurde es an den Gasttischen still. Alles hörte zu. Sie liebte es, die Bergziegen zu beschreiben: ,, So schöne Tiere habt ihr nie gesehen: Große, gewundene Hörner, wie poliert; gelbe Bernsteinaugen, feine Hufe. Lange Haare wie aus glänzender Seide, gelblich- weiß wie Elfenbein und etwas lockig." Über ihre feine Witterung konnte sie erzählen, über endlose Streiche, die sie ihr gespielt haben. Sie behauptete, daß so eine Ziege vie! klüger sei als ein Kind. Gehungert hat sie da oben nicht. Die Ziegeneuter konnte der reiche Bauer aus dem Tal nicht zubinden und das Tinerl saß an der Quelle; es melkte.
Mit neun Jahren war sie Kindermädel in der Fremdenstadt Innsbruck bei einem Gerichtsvollzieher. Der trank. Den ganzen Tag mit den Kindern allein. Das Essen reichte für zwei oder drei; sie waren aber sechs, mit ihr sieben. Verlaust und wild dazu waren die Rangen. Sie liefen ihr davon auf die Straße. Während sie herumrannte, die Größeren zu suchen, hatten die Kleinen zu Hause sich blutig gerauft. Am Abend bekam dann das Kindermädel vom Gerichtsvollzieher die Schläge; und das war sie. Danach war sie bei Schneidersleuten in Dienst, guten Menschen. Der kleine Schneider, eine Art Philosoph, war der erste, der ihr erzählt hat, daß die Welt nicht so schlecht eingerichtet bleiben muß, wie sie ist. Hungrig und erbärmlich blieb ihr Leben lange. Als Abwaschmädel hat sie sich in den hintersten, schmutzigsten Winkeln der Gasthäuser desselben Innsbruck geplagt. Die Männer müssen ihr nicht wenig nachgestiegen sein. In den Gaststuben hat sie das starke Geschlecht nicht gerade lieben gelernt. ,, Ich war stößiger als eine Bergziege", pflegte sie zu sagen. Nun, das glaubte man. Wehrhaft war Tante Tina noch mit 60 und hatte es immer noch nötig. ,, Ach Jungens,
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