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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
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erst gern, meine Teuren." Seine Stimme zitterte. ,, Unser Kolchos hat alle seine Maschinen abgezahlt. Unsere MTS versorgt die ganze Gegend. Wir haben gelernt zusammen­zuarbeiten. Unser Kolchos ist ein Stolz der Sowjetunion . Meine Kinder sind in schönen, gelehrten Berufen in der Stadt gewesen, und jetzt sind Andrej Afanassjewitschs Kin­der bei der Roten Armee."

Steegers Gesicht war verkniffen. Er verstand jetzt. Der Alte, bereits von einem zweiten Soldaten gehalten, redete immer noch:

,, Das Bild von unserm Grischa hängt nun seine 21 Jahre in der Ecke, da, wo früher das Heiligenbild hing. Mutter kann jetzt meines daneben hängen. Schreibt nach Moskau , an Genossen Stalin , wenn ihr die da wieder raus habt, daß alles in Ordnung ist." Dann schrie er mit gänzlich ver­änderter Stimme die Soldaten an: ,, Jetzt will ich nicht mehr warten."

Die Soldaten rührten sich nicht. Sie warteten auf Befehl. Der Befehl kam. Andrej Afanassjewitsch wurde hinunter­gestoßen.

,, Den übrigen Knebel in den Mund."

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Die Gebundenen schrien gellend, langgezogen, wie aus einer Kehle. Auch die Menge schrie. Nachdem der dritte ohne Wort abgeglitten war, trat eine Stockung ein. Oberst Steeger war aufgestanden, aber er gab kein Zeichen. Sein Blick lag erstarrend auf dem Bauernjungen, der unter der nächsten Schlinge stand. Dieser Bengel, die Kopfhaltung, die Augen, der semmelblonde Schopf verdammt noch mal: Hans Warnke sah er ähnlich. Und war so etwas möglich? Er lachte. Hans, Hans, dachte Steeger ärgerlich, wieso Hans? Wie Hans sahen Tausende aus. Deutsche und Russen. Weshalb würgte ihn das lang vergessene, schmähliche Gefühl moralischer Machtlosigkeit im Hals? Lächerlich. Weltherr­scher morgen! Fast schon heute. Aber worüber zum Teufel lachte dieser Bursche? In seinem weit offenen Mund glänzten 146

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