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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
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Frühling, konnte es auch nicht sein. Erstens hatte der das Auge behalten; und dann war dieser hier auch viel zu alt, obgleich Aber nein, er hatte ja eben gesagt, daß er 1933 noch ein Junge war.

Mit einer Zornfalte in der Stirne fuhr der Angeklagte fort:Das deutsche Volk will ein brüderliches Leben ohne Grausamkeit. Es will ohne eine Bedrückerkaste die Früchte seiner Arbeit genießen.

Die eigentümliche Stimme, der lange, braune Hals, in dem der Kehlkopf auf- und abspazierte tatsächlich es war der Bursch! Edwin Steeger schnaufte leise durch die Nase. Da war er schon wieder bei Hans Warnke . Schön, Hans hatte also recht gehabt: er, Edwin Steeger, hatte dem frechen Kerl damals doch das Auge ausgeschlagen. An dem da war der Junge zugrunde gegangen. Weshalb ihn nur immer jetzt alles bis zur Wut reizte? Diese Schaustellungen der Verräter waren ein Greuel und wenn es auch innerhalb der Partei blieb, überflüssig, schädlich. Und wozu in aller Welt ärgerte er sich so? Schade, daß er nicht gegangen war.

Kann es ein Volk geben, das Willkür und Grausamkeit liebt? Ein ungerechtes Leben im großen und im kleinen?» Ein solches Volk gibt es nicht, sagte der Angeklagte.

Lodeskandidat oder nicht, nachgerade wird das etwas

viel. 3

Das ist nun der sechste! kamen erboste Stimmen aus dem Saal.

Beim nächsten Zwischenruf werde ich den Saal räumen lassen, erklärte der Richter bestimmt.

Ihr Herren Nationalsozialisten glaubt, die deutschen Ar- beiter haben aufgehört zu denken. Der ‚Führer hat es ja

. befohlen. Ach nein über das dunkle Gesicht des Ein-

augigen flog ein Lächeln,sie denken noch. Ganz gut

können sie denken. Sie wissen, was die Arbeiter der ganzen

Welt wissen: daß die Zukunft ihnen gehört.

Im Saal wurde gelacht. Auch der Richter lachte wie über einen guten Witz.

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