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Am nächsten Tag hatte er vor sich selber ausgespuckt; na ja, und seither war er dabei, sich in das Unvermeidliche zu finden. Er war vernünftig geworden.
Wie gefroren lag ein ärgerliches Grinsen auf dem Gesicht des Zuhörers in der zweiten Reihe des Gerichtssaales. Zwei Vernehmungen waren bereits vorüber, und es war Edwin Steeger noch immer nicht gelungen, sich auf die Vorgänge dicht vor ihm zu konzentrieren. So erging es ihm jetzt immer: in unbeschäftigten Stunden fielen diese Gedanken über ihn her wie SA mit Peitschen und Stuhlbeinen über einen Ge- fangenen. Die Typen der Arbeiter-Angeklagten waren die- selben, die er aus täglicher Erfahrung kannte. Es ärgerte ihn überdies, diese Erfahrungen an die Öffentlichkeit gezogen zu sehen, wenn es auch nur die Parteiöffentlichkeit war. Diese auch vor solchen Kenntnissen zu schützen, war sonst ein wichtiger Teil seiner Arbeit. Lächerlich war es. Hier standen diese Wühler, die sonst die Unschuld selbst vor- stellten, und gaben ruhig an, als ob es das Selbstverständ- lichste von der Welt wäre, daß sie weitverzweigten unter- irdischen Organisationen angehörten. Hier standen diese An- geklagten und klagten an. Es schien für sie nur eine Sache in der Welt zu geben, eben die der Bekämpfung des Faschis- mus, für die sie hier so frech Propaganda zu machen wagten. Sie nannten sie die Sache des deutschen Volkes und aller Völker. Zum Glück irrten sich diese Leütchen, wenn sie glaubten, daß ihr Gerede jemals über diese vier Wände hin- ausdränge. Daß das Henkerbeil sie nach solchen Worten er- wartete, schienen sie nicht zu wissen.
Dennoch, sie wußten es so gut wie die Richter, wie jeder hier im Saal. Mit zunehmender Verstimmung, jetzt aufmerk- sam, hörte Steeger die Vernehmung des dritten, vierten und fünften Angeklagten an. Sie saßen auf einer Seitenbank zwi- schen je zwei Schupos. Ihre Physiognomien erschienen ihm alle gleich uninteressant. Gerade wurde der sechste aufge- rufen und vor den Tisch geführt. Steeger warf einen halben Blick auf ihn und erhob sich, um zu gehen. Es war ja immer
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