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klar wurde, war, daß er für jeden andern Beruf verdorben war. Von Grund aus verdorben. Er gab es sich zähneknir- schend zu: gutwillig wollte, konnte er nicht mehr verzichten auf den Machtrausch, den sein Beruf ihm verschaffte. Wo gab es noch etwas Ähnliches: solche persönliche, fühlbare Macht haben über Leiber und Seelen? Obgleich die Unmög- lichkeit, durch Gewalt Seelen zu beherrschen, der ewig quä- lende Stachel seines Berufs war. Fast war er gleich im An- fang an dieser Klippe gescheitert; Hans Warnke war daran zugrunde gegangen. Wie immer in wichtigen Augenblicken seines Lebens war die bohrende Erinnerung an Hans Warnke auch an jenem Tag in ihm wach geworden. Warum bloß? Er hatte ihn nicht verraten. Hans Warnke hatte sich selbst verraten. Wenn man wankte und schwankte, konnte man das Leben nicht beherrschen. Lächerlich, er ließ sich von einem Mädchen nicht aus der Lebensbahn werfen.
Dann hatte er sich einzig dem Gedanken hingegeben, zu lieben und geliebt zu sein. Vor Abend würde er Gerda wahr- scheinlich zu Hause nicht antreffen. Er hatte sich trotzdem ein Auto genommen und war hingefahren. Unterwegs war ihm beklommen zumute geworden, und als er die Treppe hinaufgegangen war, noch beklommener. Und dann hatte er sie im Salon sprechen gehört— wie sein idiotisches Herz in Sprüngen gegangen war!— und dann——— Steeger, der in der zweiten Stuhlreihe des Gerichtssaales saß, richtete sich steil im Kreuz auf— dann war das Stubenmädchen herausgekommen, um zu sagen, das gnädige Fräulein sei nicht zu Hause. Im selben Augenblick hatte er sich wieder im blauen Musikzimmer mit ihr gesehen, den Stoß ihrer ausgestreckten Hände gefühlt und alles gewußt: der Gestapo - mensch war es, den sie in ihm verabscheute. Diese fünf Jahre seines Lebens, die er nie mehr von sich abwaschen konnte. Sie hatte alles aus diesen Zügen herausgelesen. Genug hatte sie ihn angeschaut: gerade, schweigend, forschend. Sie wußte. Sehr viel wußte dieses Kind. Woher nur?
Als er wieder auf die Straße gekommen war, hatte ihn
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