Fünf Jahre waren verstrichen. Im Frühling und Herbst 1938 überfiel und annektierte das ,, Dritte Reich " Hitlers Österreich und große Teile der Tschechoslowakei . Diese räuberischen Überfälle wurden von der deutschen Presse und im Radio als große deutsche Siege gefeiert.
Indessen verstärkte sich zur selben Zeit der atemraubende Druck der Kriegsvorbereitung im ganzen Lande. Die Umwandlung aller produktiven Arbeit des Volkes in Zwangsarbeit für den Krieg und Kriegsrüstung lag wie ein Alp auf den Menschen. Die Konzentrationslager reichten nicht, die widerstrebenden Elemente aufzunehmen. Die Geheime Staats polizei arbeitete fieberhaft; aber die Unzufriedenen und Trotzenden verdarben überall die geklebte Fassade des ,, glücklichen Deutschlands ".
Angesichts der Unzufriedenheit so breiter Massen und des Zunehmens der illegalen Agitation der Antifaschisten, sah sich das Hitler- Regime gezwungen, vor einer Scheinöffentlichkeit das Schauspiel wenigstens einiger Hochverratsprozesse aufzuführen. In Wirklichkeit war ausschließlich treueste Gefolgschaft anwesend. Die Presse erhielt Weisungen, wie zu berichten wäre.
Steeger, der im Winter 1938 dienstlich in Berlin zu tun hatte, ergriff die Gelegenheit, einem solchen Prozeß gegen sechs Antifaschisten beizuwohnen. Die Angeklagten waren Fabrikarbeiter, alles junge Leute. Man hatte zur Verhandlung einen der kleinsten Säle des Gerichtsgebäudes gewählt, und ließ von den mit Einlaßkarten versehenen Leuten nur genau so viele herein, als Stühle da waren. Die Menschenmassen, die sich, Einlaß begehrend, vor dem Gebäude stauten, wurden von der Schupo rücksichtslos auseinandergedrängt und fortgewiesen. Ihre Anzahl, die in die Tausende ging, roch fatal nach einer gegen das Regime gerichteten Demonstration. Steeger bahnte sich einen Weg durch das Menschengewühl. Seit einiger Zeit befand er sich in einem reizbaren Gemütszustand, der durch allerlei unangenehme Berliner Diensterfahrungen noch gesteigert worden war. Diese Men
123


