schenmenge verdroß ihn schwer. Seine Erlebnisse mit kommunistischen, sozialdemokratischen, christlichen Arbeitern und Arbeiterinnen, mit Intellektuellen, evangelischen und katholischen Pfarrern, trotzigen Kleinbürgern und Kleinbürgerfrauen, die lange Kette der Verhöre und Abstrafungen, die Zugrunderichtung von Existenzen und Menschenleben, das ganze erbitterte, blutschmutzige Wüten gegen die dem Naziregime widerstrebenden Elemente, das die Grundlage seines meteorhaften Aufstiegs in so jungen Jahren gewesen war, zog beim Anblick dieser unwilligen Menschenmasse, die sich nicht ohne Umstände fortweisen ließ, in seinem Kopf vorüber. Er bildete sich ein, hier und da Gesichter zu erkennen.
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Fünf Jahre Zwangsmaßnahmen härtester Art, eine ganze Armee von Toten, Armeen von Eingesperrten und der Erfolg: Szenen wie diese. Ein Skandal war es, daß sie nicht vermieden werden konnten.
Die Luft war kalt. Ein ungemütlicher Wind wehte Steeger den Straßenstaub von unten herauf ins Gesicht. Er zog ein feines Batisttaschentuch aus der Brusttasche und wischte mit seiner, mit feinstem Glacéleder behandschuhten Hand den aufsteigenden Schweiß von der Stirn und unter dem Mützenschirm weg.
Seit einigen Wochen rang er damit, diese tiefe Verstimmung, die sein ganzes Wesen ergriffen hatte, sich nicht anmerken zu lassen. Das Lagerleben, die beständige Knechtschaft des Dienstes, hatte ihm, wie den meisten seines Schlages, jahrelang die Liebe nur in ihrer häßlichsten Abart, der käuflichen, zugänglich gemacht.
Die ersten drei Wochen seiner jetzigen Anwesenheit in Berlin waren Urlaub gewesen.
Er hatte frühere, erfolgreich begonnene Versuche fortgesetzt, in der„ guten" Gesellschaft heimisch zu werden. Sein alter Gönner Klemm, der inzwischen in der Berliner 44 eine nicht unbedeutende Rolle spielte, hatte ihn dabei unterstützt. Mit einer aufkeimenden Hoffnung auf etwas menschlich
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