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Vergangenes nicht Vergessenes : Erzählungen / Dora Wentscher
Entstehung
Seite
112
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Tja, die Erziehung der Jugend, das war etwas, was noch Freude machte, dachte er. Sobald die Bude hier endgültig in Schuß war, wollte er klassische Musikabende für seine Hitler - jüngen einrichten. Er liebte Musik, besonders Wagner. Er zog die weiche, stahlblaue Seidenplüschdecke bis über beide Ohren und streckte seine langen Beine. Jetzt fühlte er sich recht gemütlich. Ein paar Sekunden später hörte die Wache ihn schnarchen.

*

In der Kantine war es an diesem Abend hoch hergegangen. Der Spaß über die neueingetroffenenMistkerle wollte kein Ende nehmen. Die Geleitmannschaft hatte allerlei aus Berlin zum besten gegeben. Alles mußte besprochen, bequatscht, be- lacht und nochmals begossen werden. Zuletzt waren alle an- geheitert und mehr oder weniger betrunken nur Steeger nicht. Um zwölf Uhr wurde Schluß befohlen. Alles zerstreute sich in die Schlafbaracken.

Als Gespräch und Lärm verstummt waren, hörte man das gleichförmige Trommeln des an die Scheiben klatschenden Regens. Kaum fünf Minuten nach dem allgemeinen Aufbruch in der Kantine lagen auf allen Pritschen die Leute in tiefem Schlaf. Nur Edwin Steeger lag wach. Die Berichte von der

Berliner Maifeier erfüllten ihn mit Genugtuung. Was er nicht begreifen konnte, war nur, daß der Führer den Ar- beitern so den Hof machte. Waren diese verdammten Arbeiter wirklich so wichtige Menschen? Er konnte das nicht einsehen. Wie diese Bande den Nationalfeiertag betrachtete, das sah man doch an diesem Burschen, den er ins Auge getroffen hatte. Ein Armutszeugnis war es, daß man es für nötig ge- funden hatte, ausgerechnet den ersten Mai zu wählen. Wäre so ein Kerl sonst so unverschämt?

Als Edwin Steeger anfing, verzweifelt zu werden, weil er nicht einschlafen konnte, erwachte sein Nebenmann. Mit einem Ruck saß Hans Warnke . So ein Glück: Edwin Steeger

schlief nicht.