Scham, die immer verschüttet gelegen hatten, standen plötzlich in völliger Nacktheit vor ihnen. Jeder hatte es dem andern angemerkt, wie er innerlich immer widerwilliger in die nächste Zelle gegangen, bis Hans Warnke schon kurz davor gewesen war, Übelsein vorzuschützen. Ein wütender Blick Edwin Steegers hatte ihn noch gerettet. Jetzt gingen sie hier und schwiegen. Hans Warnke dachte an den bedrückenden Traum, als dem Vater das dünne Rinnsal aus den Mundwinkeln lief und die Brikettwand einstürzte. Edwin Steeger wurde den Gedanken an den Mai- Verehrer nicht los. Wie der auf seinen Treffer hin, bauz, umlag! Hatte dieser verdammte Arbeiterbengel nicht gesagt: ,, Vier gegen einen?" Das war Dienst am Volk. Basta. Es mußte so sein.
Er sah Warnke von der Seite an.
,, Wir wollen wieder öfter zusammensein, wenn's dir recht ist?" Würde er etwa nein sagen? Hans Warnke sagte ja, aber seine Stimme war wie ausgelöscht, und er sah weiter geradeaus.
" Ja", sagte er noch einmal etwas lauter. Sie gingen noch die letzten zehn Minuten zusammen vor der Pappel auf und ab. Eine warme Maisonne lachte auf den öden Hof und die häßlichen Bretterbuden hinunter. Auf dem kaltblauen Himmel über der Pappel, die einen ätzend herben Frühlingsgeruch • ausströmte, segelten weiße Wolken; zuerst riesenhaft und gewaltig, zu blendender Größe geballt, lösten sie sich langsam auf. Kein Hauch blieb von ihnen auf dem reinen Himmel. Die beiden jungen Menschen sahen nichts von diesem Phänomen.
Es war heute ein schwerer Tag gewesen, auch für Klemm. Nach solchem Dienst, bei dem es kaum eine freie Minute gab vom frühen Morgen bis zum Abend, pflegte er schlaflos zu sein. Vier Monate nach der Machtergreifung. Eigentlich hatte er sich dieses Glück anders vorgestellt. Er wußte eigentlich selbst nicht genau wie: mit großen Aufmärschen, Festessen, mächtig viel Kneipereien. Verdammter Stumpfsinn war es, so ohne seine Familie zu leben; hier den roten
ΙΙΟ


