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Sie stürzte zum Schreibtisch und blätterte im Telefonbuch. „Große Kliniken muß es doch geben. Gott sei Dank, Gott
sei Dank, daß du nicht mehr allein bist. So ein Kind, so ein
unvernünftiges Kind!“ Ihre Stimme war kindlich, fast
kindisch. „Du bemerkst natürlich nicht, daß ich sehr gut mit anti-
septischem Puder behandelt habe“, sagte Bubi beleidigt.
„Ein Wunder, ja, daß du nicht an Blutvergiftung gestorben bist!“ rief Mama.„Mein Gott, mein Gott, diese Schufte.“
Nachdem Mama einen berühmten Professor angerufen hatte, wurde sie ruhiger. Sie lautete.
„Mamachen, von allern viel“, sagte Bubi. Er warf einen prüfenden Blick auf das Menü.„Alles“, sagte er, als der Kellner mit der Serviette erschien, und reckte lustig das Kinn.„Und dann dasselbe noch einmal.“ Der Kellner verzog keine Miene.
„Ein Wunder, wie ich fortgekommen bin“, fing Mama an, nachdem er gegangen war.„Sie haben sich bezahlt gemacht. Den großen Perlenschmuck von der Urgroßmama—“
„Was?“ schrie Bubi auf,„den großen?“
„Sie haben die Kassette eingesteckt, als wenn’s eine Schachtel Streichhölzer wäre. Diese Mörder! Diese Diebe!“ Ihre großen Augen sprühten Funken. Bubi sah bestürzt zu Boden.
„Wir werden auch so weiterleben‘‘, sagte Mama.„Aber die Unglücklichen, die nicht heraus können aus Deutschland . Hast du gehört— zuerst nimmt man ihnen die Existenz und das Geld, dann den Paß; und dann wird die Ausreise verweigert. Die ganz Armen gar— gehetzt wie unreine Tiere.“ Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen. Sie weinte.
Sie weinte lange und heftig.\
„Mama, Mamachen.“
Bubi sah sie grübelnd an. Ihre Tränen taten ihm wohl. Die Frauen hatten es gut. Sie weinten.
„Vernichtete Opfer“, stöhnte Mama und putzte ein über das andere Mal die Nase. Bubi hatte seinen Schlips fertig
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