erstaunt schwieg, fügte er die wenig beruhigende Erklärung hinzu: ,, Einen Paß habe ich nicht."
Sie sah seinen Schein vom Komitee und wollte ihn nehmen. Sie nahm immer deutsche Flüchtlinge, und gegen Juden hatte sie nichts.
,, Vor Gott sind alle Menschen gleich", meinte sie; aber das Bett war in ihrer Schlafstube. Eine zweite Stube hatte sie nicht. Herr Dr. Elger dankte.
Am Abend des sechsten Tages hatte er noch immer kein Zimmer. Er beschloß nicht mehr auszugehen, bis das Geld kam. Auch nicht zum Essen. Jedenfalls heute nicht. Alles war ihm bis zum Hals. Er wußte auch schon nicht mehr, wie an der Portierloge vorbeizukommen. Dazu- kam, daß der Gedanke, denen zu Hause, besonders Mama könnte etwas zugestoßen sein, ihn von Tag zu Tag, von Nacht zu Nacht mehr quälte. Er verriegelte das immer kalte Hotelzimmer; schlief unruhiger als je, aber bis in den hellen Tag.
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Gegen Mittag stand er vorm Waschtischspiegel, seufzte: ,, Ach, Mamachen, kleines, liebes", und warf mit dem Kamm sein leuchtendes Haar durcheinander. Womöglich sollte er es schwarz färben? Er lachte höhnisch. Er war immer stolz gewesen und Mama erst daß er wie ein Deutscher aussah. Jetzt konnte man sich dessen schämen. Jetzt sollte noch sein Scheitel beweisen, daß er ein Schuft wäre, einer von denen, die Europa in Brand stecken wollten! Er, der Großneffe eines berühmten deutschen Humanisten Mordbube. Unverständlich und ekelhaft war alles. Er warf sich wieder aufs Bett. Die Arme unterm Kopf, verfolgte er stundenlang die schwarzen, bildhaften Risse in Wand und Decke, sann ihnen nach, grübelte. Und er fühlte, wie langsam seine Verstimmung, die Gereiztheit der letzten Tage gleichsam aus ihm verdunstete. War er denn blind gewesen? Dieser Haß überall! Das war doch eine Pracht! Darüber konnte man sich doch freuen. Und er freute sich. Mächtig freute er sich. Ein Gefühl des Triumphes stand in ihm auf. Was hätte er nach jenen Terrortagen in Berlin
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