aussah und kein bißchen wie ein Jude. Nicht einmal seine Wunden machten auf irgend jemand besonderen Eindruck. Fast jeder war mißhandelt worden. Die meisten hatten zehnmal soviel erlitten als er. Die Arbeiter zeigten Verachtung, darüber viel zu reden. Die Nazi seien eine vorübergehende Erscheinung, sagten sie. Das sei eine braune Pest, eine Seuche und nichts Menschenähnliches. Hitler würde Deutschland in Grund und Boden regieren, das war für diese Arbeiter so sicher, wie daß sie wieder nach Deutschland zurück wollten. Im übrigen schwiegen sie, wenn er in ihre Nähe kam, und es verdroẞ ihn tief. Er merkte gut, daß sie ihm mißtrauten. Er wäre zum erstenmal im Leben sehr geneigt gewesen, über Politik sprechen zu hören. Wenn sie sich zu gut dünkten...
Zunächst mußte er aus dem Hotel fort. Sammelquartier kam für ihn nicht in Frage. Das Flüchtlingskomitee zahlte für billige Zimmer. In Heidelberg und Göttingen als Student war Zimmersuche eine einfache Sache gewesen. Es gab nette Vermieterinnen und es gab Scheusäler, wahre Hyänen von Zimmervermieterinnen. Man hatte gelernt, die zu unterscheiden; das war nicht besonders schwer gewesen. Aber hier? In den ersten drei Tagen seiner denkwürdigen Zimmersuche sah Bubi Elger die Altstadt und die Neustadt von Prag , die breite Moldau mit ihren schönen, hochgelegenen Parks und Bäumen; er sah die rote Sonne im bräunlichen Herbstnebel und den weißen Mond, den Hradschin von weitem und die häßliche Arbeitervorstadt mit ihren Mietskasernen von nahem. Von der Gattung der Zimmervermieterinnen bekam er nicht ein einziges Exemplar zu sehen. Statt dessen sah er Türen und hörte Menschenstimmen. Seine dreizehn Kronen brauchte er, um ein paarmal in den Automaten am Wenzelsplatz zu essen. Von morgens bis abends hatte er zu Fuß zu laufen, um diese Türen zu sehen und diese Stimmen zu hören. Er bekam langweilige, neugestrichene Türen zu sehen, Fabrikware, aber auch ausgedörrte, morsche, einst zinnoberrot oder leuchtend grün, nun rosig- bläulich
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