borsten scheuern den oberen Fensterrand. Er schlägt die Klappe hoch, und mit derselben schlafwandelnden Schlappheit, die sein gelbliches Gesicht beherrscht, nimmt er der Frau das Papier aus der Hand, hört er ihre stockende Rede an. Auswendig, im Schlaf. Er kennt diese Rede. Mein Mann, mein Säugling sie liegen im Fieber, sie sterben. Und was noch? Ist ja ewig dasselbe. Ihm geht's nicht gut. Gallen-. steine hat er. Er schreibt etwas auf einen winzigen Papierfetzen: ,, Damit gehn Sie morgen früh, aber pünktlich", er spricht wie zu einem sehr dummen Kind ,,, in die Steinmetzstraße gehen Sie damit, um sieben, verstanden?"
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,, Morgen erst?" hört man die erschrockene, tiefe Stimme der Frau. ,, Was denn noch? Erledigt!" brüllt jetzt der Kartengott, denn das ist er trotz allem. ,, Mehr Extrawürste haben wir nicht!" Mit einem Knall fliegt das Fenster zu. Frau Rasenack ist am Ausgang, da hört sie die Stimme noch einmal: ,, Nicht mehr warten, Milchkarten sind alle." Wieder knallt das Schiebefenster.
Im selben Augenblick erhebt sich ein wildes Jammern und ein noch wilderes Geschimpfe. Alles schreit durcheinander. Die zahme, lahme Schlange hat sich in ein wildes Tier verwandelt.
Im Türkreuz, vor Frau Rasenack wie aus dem Boden gewachsen, stehen Blaue, fünf gut ausgefütterte Blaue mit dem Säbel an der Seite. Die sind gekommen, um den Milchkartenempfängern beim Hinausgehen ,, behilflich" zu sein. Zu Rasenacks Staunen läßt der Lärm gar nicht besonders nach.
An ihr vorbei rennt eine Frau auf die Treppe hinaus. Eine junge Frau. Sie schluchzt. Sie stolpert. Rasenack packt sie am Arm. Die Treppe ist steinern und steil. ,, Ach", weint die Frau auf, mit einem Ruck hat sie sie fest ,,, weil er vorigen Donnerstag, vorigen Donnerstag hat er Geburtstag gehabt, mein Kleiner, neununddreißig fiebert er. Weil er jetzt sechs ist, braucht er nicht gesund zu werden. Ich brauch gar nicht wiederkommen, sagen alle. Was mach ich? Was mach ich bloẞ?"
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