gezogen. Er warf den roten Bleistift auf den Tisch. Er war besiegt.
,, Holen Sie den Kapellmeister, Fräulein."
,, Einen Augenblick, Fräulein", rief es von der Wand. Der Landstreicher war plötzlich munter geworden und aufgestanden. Seine schlaffen, dünnen Lippen waren geöffnet und in dem zerknitterten Gesicht zeigte sich eine Reihe wunderhübscher, blendendweißer Kinderzähne. ,, Wenn ich vorsingen soll, muß ich erst essen. Ein ordentliches Mittag: Glas Bier, Suppe, Fleisch und Gemüse." Er zog die Lippen ein und schmatzte leicht. Alle lachten laut heraus. Nur der Direktor nicht.
,, Gauner!" rief er. ,, Hinaus!" Sein Arm wies nach der Tür. ,, Aber meine Herrschaften", sagte der angebliche Sänger begütigend ,,, aber meine Herrschaften!" Die Hände auf den Knien setzte er sich wieder, genau unter Wohlmanns wohlbekleideten, ausgestreckten Arm. ,, Verstehen Sie doch", wandte der Landstreicher sich an alle ,,, kann ein Mensch, der seit Wochen in keinem Bett geschlafen hat, und wenig gegessen wie soll er denn anständig singen in solch einem Zustand?"
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,, Recht hat er", rief der Blondgelockte.
,, Bestellen Sie ein Menu, Herr Direktor", sagte Bogi mit schmelzender Stimme. ,, Ich habe das Gefühl, der Mann kann was."
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,, Wird singen mit vollem Magen ein Berufssänger?" schrie Wohlmann. ,, Soviel weiß ich schließlich auch: sowas gibt es nicht."
,, Doch, es gibt", sagte der Landstreicher bescheiden. ,, Bei Ihrem Berufssänger ist der Magen auch voll. Bloß ein bißchen früher, Herr Direktor."
,, Raus!" schrie der Direktor wieder. ,, Ich habe den Mann
satt."
,, Kommen Sie", sagte der junge Jude. ,, Wir drei essen zusammen." Er nickte Herwig zu und nahm seinen Schütz
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