,, Sie behaupten, mein Herr, daß Sie den Bajazzo singen könnten?" Er sprach gedehnt und so höflich er konnte. ,, Auf einer anständigen Bühne?" Es war deutlich, daß der Abgerissene ihm Angst einflößte. ,, Wo sind Sie schon aufgetreten?" Direktor Wohlmann bohrte einen roten Bleistift in sein fleischiges Ohr und blickte angestrengt gebieterisch.
,, Das ist ja uninteressant", meinte der Landstreicher ruhig. Seine Sprechstimme war nicht unangenehm, aber auffallend eintönig. ,, Die beiden Herren sagten mir, Sie brauchen jemand für ein paar Spielabende. Deshalb habe ich mich angeboten. Unsereiner kann mancherlei, was die Herrschaften in den vorüberfahrenden Kutschen nicht können." Bei diesen Worten legte er den Kopf schief, der klein und zierlich war. Bogis und Herwigs Blicke folgten mit aufgeregtem Interesse jeder seiner Bewegungen. Sie vermuteten in diesem unscheinbaren Menschen etwas von der unerkannten Kraft, die dem Volke innewohnt. Bogis Augen blieben auf dem vollendet. geformten Ohr haften, das zu dem mit rötlichen Borsten bedeckten, unreinlichen Schädel gar nicht zu passen schien.
,, Mir fehlen einige Sachen", fuhr der Ausgefranste fort, ohne seine seltsame Kopfhaltung zu ändern. ,, Ich brauche eine Mütze oder einen Strohhut, würde mir gern' nen Regenmantel kaufen und vielleicht eine Zahnbürste. Wenn Sie mir für jedes Auftreten 20 Emm geben, Herr Direktor, dann mach' ich Ihnen am Sonntag den Bajazzo." Ohne eine Miene zu verziehen sah er aus verschwommenen Äuglein, die an den Rändern entzündet waren, den Direktor an.
Wohlmann bohrte den roten Bleistift noch tiefer in sein Ohr, kniff seine schwarzen Äuglein noch mehr, streckte seine plumpe Unterlippe noch weiter vor. Dabei ließ er keinen Blick von dem zweifelhaften Objekt seiner Hoffnung. Die Schauspieler standen wartend. Sie wußten, daß die Leidenschaft, die sie erfaßt hatte, vielleicht einen begabten Menschen der Landstraße zu entreißen, für Wohlmann ohne jedes Interesse war.
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