Wenn man manchmal Tage zwischen einem flachen Sein oder Nichtsein verdämmerte, kam wiederum eine Nachricht von der vielgeliebten Frau, oder es drangen Hiobsbotschaften vom politischen Himmel ins Lager, als sei das grausige Verhängnis unabwendbar nahe und ertöne bald die Gerichtsglocke des Jüngsten Tages für die deutsche Menschenseele. Wenn ich dann mit Alfred meine Wege ging und mit ihm plauderte und wir einmal auch einen dieser geheimnisvollen Sterndeuter aufsuchten und dieser mir mit einer absoluten Sicherheit die Freiheit verkündete, Alfred aber noch langen Verbleib im Lager voraussagte, und wir anfangs scherzhaft, dann im Ernst das Gespräch mit dem Astrologen in allen Einzelheiten betrachteten, so wurden wir uns doch langsam einig, daß vielleicht etwas Wahres an all dem sei.
Immer mehr rechneten wir mit meinem Loskommen aus der drückenden Enge des Lagers. Hinaus aus dem Untermenschlichen, allzu Untermenschlichen, damit man wieder Mensch wird! Auch andere, Nichtastrologen, nur so im Vorbeihuschen Bekanntgewordene, deuteten mir, ich würde bald, wie man so schön sagte, abhauen". War es nun der wache Instinkt der in sich selbst lebenden Menschen, die in dem Dreck, in den Elendsbretterbuden der Blocks, doch ihr Eigenleben führten?
Denn eines Tages war es wirklich so! Der SS- Oberscharführer kam mit seinem Rade angesaust und mit gerötetem Gesicht in die Effektenkammer. Er kam von vorne', wie das Gebiet der SS - Verwaltung so schön hieß, und ging gleich in medias res: ,, Utsch, heute sind Sie dran!" Ich stand auf und wenn mich einer gesehen hätte, würde er bemerkt haben, daß ich puterrot im Gesicht war.„ ,, Jawohl!", war die Antwort. ,, Und der glaubt es wirklich!", ließ mich der Scharführer wiederum im Ungewissen zappeln. Und ich glaubte dennoch! Innerhalb einer Stunde voller Abwechslungen oder, besser gesagt, abwechselndem Hin und Her, bei dem der Scharführer noch seinen letzten Spaß mit mir haben wollte, erfuhr ich nun endlich, endgültig, daß dem so sei.
8. Bg. Utsch, KZ
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