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Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
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handelten auch im Lager im Leben unter den Kumpels wirk­lich nicht immer einwandfrei. So waren denn auch die erste­ren diejenigen, die bei weitem mehr und in ausgesprochener Weise den Kontakt mit denen zu Hause behielten und mit Gaben bedacht wurden, während bei den anderen dies weni­ger der Fall war.

Ja, und wiederum gab es trostlose Fälle. Man bedenke nur, welche Schmach es in dem damaligen Deutschland bedeutete, in einem KZ- Lager zu sein! Man war das verworfenste Sub­jekt, man war ausgeschieden aus der Nation und ihren Rech­ten, man hatte aufgehört zu existieren. Als Schande galt es für die daheim, einen solchen Verstoßenen zur Familie zu zählen. Schande war es für die Dorfgemeinde und die Augen der Ortsgruppenleiter wachten über derartige Verbindungen, die ganze gehässige Bevölkerungsschicht der echten Nazis zeigte mit den Fingern auf die Familie, von der ein Mitglied im KZ war. Welcher Mut, welche Tapferkeit des Herzens war es also in den meisten Fällen, daß diese Briefe dennoch geschrieben wurden, daß die Pakete mit den diffamierenden Postaufschriften doch zum Herrn Postangestellten X in dem kleinen Dörfchen so und so gebracht wurden und trotz abfäl­liger, hämischer Bemerkungen immer wieder hinausgingen in das KZ- Lager. Viele aber blieben ohne diesen Lebens- Liebes­faden von außen, bei vielen hatte die Familie wider besseres Fühlen versagt, nicht aus Mangel an Liebe, sondern aus Furcht, besser gesagt: aus Feigheit. Wie oft tränten Augen, wenn andere glückselig den Brief vom Bruder, von der Frau, vom Freund in Empfang nehmen konnten und sie selbst leer ausgingen.

Hierbei hatte natürlich auch vielfach die Gestapo ihre Hand im Spiele. Während die Postzensurstelle im Lager selbst teil­weise mit einer gewissen Toleranz arbeitete, zwar nicht aus tugendhaften Gründen, sondern weil sie einfach zu faul war, all die Briefe zu zensieren, wurde von außen her, von den sogenannten Sachbearbeitern bei den Gestapoleitstellen der Heimatbezirke, alles unternommen, um, je nach Grad der Gehässigkeit des einzelnen Beamten, die Postzufuhr zu durch­

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