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Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
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übertüncht werden durch die Einrichtung eines Varietés? Das kam nicht in Frage.

Nicht einer von den vielen Tausenden, die am Sonntag mit­halfen, die Bänke herauszuschleifen, zurechtzustellen für die großartige Aufmachung im eigenen Elend, empfand anders: bizarrste Ironie, gemeinster Betrug, letztes Hohngelächter den Todesnahen, ähnlich wie die Musik am Tor bei den Klinker­werken, wenn die Halbtoten zur Arbeit getragen werden!

Oder sollte gar der von den wachsamen politischen Augu­ren, von den klugen Häftlingen, vielmals vorausgesagte, bald bevorstehende Zusammenbruch damit bemäntelt werden und die Lagerleitung in einer Anwandlung psychologischer Hal­tung bei den Häftlingen Stimmung erwecken wollen, ob ihrer großen Güte und Menschlichkeit? Das waren die Fragen, die wir uns stellten. Die meisten aber haben ganz derb zum Aus­druck gebracht, daß dieser Schwindel eben KZ sei, und man sprach nicht viel, sondern tat das ab mit seinem gesamten Schicksal.

Mein Freund Weiß- Rütli.

Auf meinem Block hörte ich öfter von einem Häftling, der mich interessierte; er sollte auch aus München sein, befand sich schon lange im Lager, war von Dachau hergekommen und sollte Alfred Weiß- Rütli heißen. Er besuchte des öfteren den Blockältesten Franz und so lernte ich ihn kennen.

Das war gerade in den Tagen, als ich mich verzweifelt gegen eine Ruhrerkrankung aufbäumte und mit allen Mitteln ver­suchte, ihrer Herr zu werden. Ich war schlapp von dem Durch­fall und all den Nebenerscheinungen und auch die Holzkohle, die mir Häftlinge vom Waldkommando mitbrachten, wollte mir nicht helfen. Das Fasten war umsonst, ich fiel immer mehr zusammen.

Und da half mir die erste Begegnung mit Alfred. Nicht nur, daß er mir, behutsam eingewickelt, nach tagelangen Bemühun­gen ein Pülverchen verschaffte, daß ich dadurch nicht ins Re­

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