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Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
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verbargen und daraus ihr Heil erhofften aus gefährdeter Lage. Statt dessen waren sie im KZ zu Tode gequält worden und hier in der Sammelstelle Sachsenhausen wurden ihre Kleider, ob sie nun von Lublin, Auschwitz oder einem anderen Lager kamen, bearbeitet und nach Gold und Geld durchgesehen.

Diese nach Verschlagenheit und Blut stinkende Korruption wurde in einem derartigen Ausmaße aufgedeckt, daß Ludwig, der sich seine Entlassung erschlichen hatte, wenige Tage nach­her durch andere Behörden verhaftet, wieder ins Lager kam und als Rückgeführter vor dem Tore stand.

Damit begann eine Skala von Massenverhaftungen inner­halb des Lagers und täglich kamen neue Delinquenten, die in diese Korruption verwickelt waren, hinzu. Man sah sie dann zum großen Teil bei dem Schuhlaufkommando, von denen einer nach dem anderen absackte und einging. Jeder aber wußte, ahnte oder fühlte es wenigstens, daß die ganze Lager­kommandantur selbst in diese Machenschaften verwickelt war und daß man mit den exemplarischen Bestrafungen nur über­tünchte, was die anderen in noch größerem Maße, ja im Gang einer laufenden Geschäftsordnung, an Korruption und Berei­cherung mit der letzten Habe der Toten einheimsten.

Es sprach sich herum, daß der eine oder andere Lagerkom­mandant versetzt wurde, weil er zu reich geworden war im Konzentrationslager Sachsenhausen .

Dies war aber nicht das einzige, was sich aus der Varieté­veranstaltung ergab. Im Anschluß an die Tänzeleien der Trans­vestiten hatte man zum ersten Mal russische Kriegsgefangene, die in einem Sonderlager gehalten wurden, auftreten lassen. Schlicht, einfach, mit einer gewissen Zeremonie und guten Haltung betraten sie das Podium. Dann begannen sie ihre Volksweisen zu singen und Choräle erklangen. Man hörte kraftvolle Solostimmen; es war das erste Mal, daß im Lager die Harmonie der Töne und die Schönheit menschlicher Stim­men zu hören waren. Es rief die schallende Begeisterung aller Lagerinsassen hervor. Die Russen hatten in ihrer Abgeschlos­senheit keine Ahnung, was für einer Veranstaltung ihre Stimme diente!

Härte, Enge, preußische Schnauzigkeit, sadistische SS- Art, elendes Massensterben ohne Kampf, ohne Widerstand, sollten

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