Druckschrift 
Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
Seite
64
Einzelbild herunterladen
  

nur einer Andeutung, die die Tante in einem Briefe machte. Sie deutete auf furchtbare Geschichten der Gestapo wegen religiöser Einstellung eines Bruders. Jetzt war dieses Rätsel gelöst!

Ich erkundigte mich und hörte, daß dieser Onkel im Lager gut bekannt war, mit den vielen Bibelforschern, die seiner­zeit besonders von der SS gehaßt und verfemt wurden, ins Lager kam und an den Greueltaten verstarb. Ich konnte mir Vorstellungen machen, wie viele Menschen alljährlich durch die Preẞmaschine der Gestapo laufen, wenn mein seltener Name wirklich also zweimal vertreten war.

Von meiner Familie also zwei ins Lager gekommen, dann aber außerdem meine Schwester wegen einer Bemerkung über eine Hitlerrede verfolgt, mein Bruder wegen Zugehörigkeit zur Antroposophischen Lehre von der Gestapo gehetzt und meine Tante Karla Utsch wegen Mitgliedschaft bei der Deut­schen Friedensgesellschaft mit gekürztem Ruhegehalt als poli­tisch unzuverlässig aus dem Lehrkörper ausgestoßen und ent­setzlich gepeinigt, der Bruder meiner Frau ebenfalls in ein KZ gesteckt! Und dies nur die unmittelbarste Verwandtschaft meines kleinen Familienkreises! Was würde weiteres For­schen in diesen Karteien für Ergebnisse zeigen? Hier war alles schwarz auf weißẞ.

Ein kleines V in den Nummernbüchern besagte: verstorben. Ganze Seiten der täglich zu wälzenden Nummernbücher tru­gen, Zahl für Zahl, Häftling für Häftling, dieses V als letztes kleines Andenken und Nachweismerkmal für die Verbliebenen.

Reise zum Reichssicherheitshauptamt.

Als ich knapp eine Woche in der Kammer beschäftigt war und mich langsam von Klinker zu erholen begann, wurde mir abends am Block eröffnet, daß ich am nächsten Tage nach Ber­ lin ins Reichssicherheitshauptamt überführt werden sollte.

Zum ersten Male, seit ich im Lager war, konnte ich an dem Brausebad teilnehmen. Der Blockfriseur, ein Häftling, der dies nebenbei machte, hatte den Auftrag, das Haar etwas zu

64