nur einer Andeutung, die die Tante in einem Briefe machte. Sie deutete auf furchtbare Geschichten der Gestapo wegen religiöser Einstellung eines Bruders. Jetzt war dieses Rätsel gelöst!
Ich erkundigte mich und hörte, daß dieser Onkel im Lager gut bekannt war, mit den vielen Bibelforschern, die seinerzeit besonders von der SS gehaßt und verfemt wurden, ins Lager kam und an den Greueltaten verstarb. Ich konnte mir Vorstellungen machen, wie viele Menschen alljährlich durch die Preẞmaschine der Gestapo laufen, wenn mein seltener Name wirklich also zweimal vertreten war.
Von meiner Familie also zwei ins Lager gekommen, dann aber außerdem meine Schwester wegen einer Bemerkung über eine Hitlerrede verfolgt, mein Bruder wegen Zugehörigkeit zur Antroposophischen Lehre von der Gestapo gehetzt und meine Tante Karla Utsch wegen Mitgliedschaft bei der Deutschen Friedensgesellschaft mit gekürztem Ruhegehalt als politisch unzuverlässig aus dem Lehrkörper ausgestoßen und entsetzlich gepeinigt, der Bruder meiner Frau ebenfalls in ein KZ gesteckt! Und dies nur die unmittelbarste Verwandtschaft meines kleinen Familienkreises! Was würde weiteres Forschen in diesen Karteien für Ergebnisse zeigen? Hier war alles schwarz auf weißẞ.
Ein kleines V in den Nummernbüchern besagte: verstorben. Ganze Seiten der täglich zu wälzenden Nummernbücher trugen, Zahl für Zahl, Häftling für Häftling, dieses V als letztes kleines Andenken und Nachweismerkmal für die Verbliebenen.
Reise zum Reichssicherheitshauptamt.
Als ich knapp eine Woche in der Kammer beschäftigt war und mich langsam von Klinker zu erholen begann, wurde mir abends am Block eröffnet, daß ich am nächsten Tage nach Ber lin ins Reichssicherheitshauptamt überführt werden sollte.
Zum ersten Male, seit ich im Lager war, konnte ich an dem Brausebad teilnehmen. Der Blockfriseur, ein Häftling, der dies nebenbei machte, hatte den Auftrag, das Haar etwas zu
64


