Druckschrift 
Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
Seite
63
Einzelbild herunterladen

keit an unserem Tische die Verteilungen vornahm und immer für Ausgleich und Beschwichtigung sorgte. In dem Geschnat­ter von deutsch , französisch und polnisch, dem lauten Auf­begehren sich benachteiligt Fühlender, in dem ewigen Streit um die Platzfrage schuf er mit gleichmütiger Ruhe Ordnung. Keiner konnte die Arme am Tisch bewegen und ein Ober­schenkel war mindestens schon an dem Oberschenkel des Nachbarn angepreßt. Die Bänke waren in der Mitte durch ein Holzstück gestützt, das oft in sich einkrachte, wenn eine Be­wegung am Tische entstand, und der dort Sitzende kam nach rückwärts zu Fall und störte den hinter ihm Sitzenden gröblich. Als ich einmal in der Kammer eifrig schrieb und addierte, stand plötzlich der SS- Scharführer vor mir und rief: ,, Sie kön­nen gleich draußen mithelfen."

Ich wußte, da waren immer die Effektensäcke der Hun­derte von Neuzugängen abzuladen, wozu auch wir Schreiber öfter zum Tragen herangezogen wurden. Im Nu also stand ich auf, rannte an die Tür, öffnete sie und sal, wie vor mir an einem Gebälk gezimmert wurde. Ich erschrak. Einen Meter von mir entfernt wurde das Gebälk des Galgens aufgerichtet.

,, Kommen Sie nur wieder rein", und mit einem Hohn­gelächter, diesem typischen Ausdrucksmerkmal der SS, wurde ich auf meinen Platz verwiesen. Um seinem Spaß die Krone aufzusetzen, sagte er: ,, Heute kommen Sie dran."

Die Schreiber schauten auf und man sah jetzt durch die Fenster den Galgen stehen.

Allmählich durfte ich auch an die großen Karteikästen, die in alphabetischer Reihenfolge nach dem Namen, und zwar der im Lager Lebenden und der nicht mehr zum Lager Gehörigen, geführt wurden. Es waren immer viele Häftlingsnummern und Schreibweisen, besonders bei den slawischen Namen, zu vergleichen.

Bei dieser Gelegenheit konnte ich dem unwiderstehlichen Drange nicht entkommen, nachzusehen, ob außer mir der sel­tene Name Utsch schon mal geführt wurde. Unter den Leben­den fand ich außer mir selbst keine Karte. Dann sah ich bei den Toten nach.

Ich erschrak: Eugen Utsch, Zigarrenfabrikant, Hamm in Westfalen, Bibelforscher, dann und dann im Lager verstor­ben. Ich dachte nach. Es war der Bruder meiner Großtante, mit dem ich selbst nie in Verbindung war. Ich erinnerte mich

63