Druckschrift 
Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
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Meine neue Stellung in der Kammer war schwer zu be­haupten. Der Schreiberposten ist ein heiß umworbenes Tätig­keitsgebiet im Lager, und wenn auch nicht allzu viele in Kon­kurrenz traten, weil sich die wenigsten die Durchführung die­ser Aufgabe selbst zuzumuten wagten, so war doch von den Interessierten eine ganze Clique stets wachsam dahinter her, um durch die verschiedenen Organe des Arbeitsdienstes und der Schreibstube diese Position zu erringen, statt in irgend­einem auswärtigen Kommando schwer schuften zu müssen und Wind, Wetter und Schikanen in allen Lagen ausgesetzt zu sein.

Ich bemühte mich, meine Hände durch Salben und Be­schneiden der zerrissenen Nägel in einen menschenwürdigen Zustand zu bringen. Ich war doch der von der Fügung Be­vorzugte, der von Klinker gekommen war, um diese Stellung, die man im Lager als Prominentenposten bezeichnete, aus­zufüllen. Aber das Schreiben selbst und das Rechnen machten mir Kopfzerbrechen. Runtergekommen durch Klinker, war mir die Gelenkigkeit der Finger und die psychische Kraft der routinierten Schreib- und Rechenkünstler nicht ohne weiteres gegeben. Manchmal wurde ich bei einem Rechenfehler von Arthur ertappt und manchmal lief sogar ein Fehler trotz aller Vergleiche und Prüfungen mit durch. Dann war dicke Luft im Büro. So dicke Luft, daß es schien, ich würde wieder ab­gesetzt. Froh war ich natürlich, wenn nicht ich, sondern ein anderer das Karnickel war. Das schien meine Position zu stärken.

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Auf der Stube des Blockes hatte meine neue Stellung ihre Wirkung nicht verfehlt. Die meisten, die mich vorher mit meiner Klinkertonsur unbeachtet ließen, hatten nun ein ge­wisses Interesse. Das hatte viele Gründe. Aber ich war zu vorsichtig, mich diesen Interessen zu widmen, und hier sei es offen gesagt: es ekelte mich davor. Die Häftlingskammer und-Kasse hatte nämlich auch die Verwahrung und Bearbei­tung der Nachlässe, und teilweise trieben Häftlinge einen schwunghaften Handel mit rührseligen Nachlaßgütern, wie Kämmen, Rasierpinseln, Taschenspiegeln, Bleistiften, alles im Lager seltene, sehr begehrte Artikel, zu denen man nicht kom­men konnte, ohne seine Kuhle Brot vom Tage zuvor zu opfern.

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