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Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
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aber ging es zu, wenn wirklich ein Diebstahl in dieser Ge­meinschaft der geduckten, gequälten und doch aufgeregten Menschen vorkam.

Der Alte, der mir geholfen hatte, war ein Bibelforscher; er erzählte mir, wie oft er im Laufe des Lagerlebens dem sicht­baren und unsichtbaren Tode entronnen war. Durch ihn be kam ich zum ersten Mal die heißbegehrten Arbeitshandschuhe, die man offiziell im Lager zu bekommen hatte, teilweise aber einfach nicht erhielt, und man mußte lange zusehen, wie man zu dieser wichtigen kleinen Hilfe gelangten konnte.

Ich erkundigte mich nach Dr. Berliner, wußte seine Häft­lingsnummer und erfuhr seinen Block. Als ich dann nach Tagen das erste Mal abends den Block verlassen durfte, um mich innerhalb des Zweiglagers zu bewegen, erfuhr ich auch vom Ende Dr. Berliners, der ein Opfer der Tongrube wurde. Viele waren es nicht mehr, die noch lebten, die mit mir mit dem Transport vom Alex hergekommen waren. Immer mehr schmolz die Zahl zusammen und immer fraglicher wurde es, ob ich es überstehen würde. Ich merkte sichtlich, wie ich körperlich abnahm und mich all den Gestalten, bei denen nur noch die Augen aus hohlen Wangen schauten, anpaẞte.

Dann war es ein Rätsel, daß ich immer noch keine Post erhielt. Wie ersehnte ich den ersten Brief von meiner Frau! Dann wüßte ich, sie lebt, und auch mein Dasein hätte wieder Sinn und Verpflichtung!

Ich packte zu, und wenn es noch so schwer fiel, versuchte ich nach der Arbeit im Lager tätig zu sein, wo es anging. Da war das Entlausen, das eine große Rolle spielte und all­abendlich vorgenommen werden mußte. Alle Häftlinge muẞ­ten an den Entlausern, zu denen ich gehörte, vorbeidefilie­ren, in der Hand die Bekleidung, den Körper nackt. Mit einer Taschenlampe wurden besonders die behaarten Stellen abgesucht und dann die Rasur vorgenommen, wenn sich Läuse fanden. Ein Topf Krätzesalbe stand bereit, und so ver­suchte man, diesen Tieren und der Krätze wenigstens etwas Einhalt zu gebieten. Alles war jedoch umsonst, alle Decken waren verlaust; auch wurde morgens eine auf die andere ge­legt, so daß auch der Reinlichste, weil er jeden Tag wieder andere Decken bekam, verlaust war. Auch der Versuch, wenn die Zeit es zuließ, die Decken auszuschütteln, nutzte nichts. Immer wieder tauchten die Kriecher auf und immer wieder

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