Druckschrift 
Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
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die halbierten Handtücher und die Mützen der Häftlinge um­her. Pironje brachte ein solches Durcheinander in den Raum, wie wir es bis dahin noch nicht gesehen und gehört hatten. Aber man merkte schon die Auslese der Leidgeprüften. Kaum daß man die Laute der Geschlagenen hörte, um so kräftiger krächzte die Stimme des allgewaltigen Blockführers, der in­zwischen wieder mal erschienen war.

Er war mit dem Capo*, der das Schuhläuferkommando führte, gekommen und donnerte im laut brüllenden Ton, aus dem nur zu erkennen war, wir wären zum Schuhlaufen zu faul und bequem gewesen heute vormittag, diese Sabotage würde der ganze Block noch auszufressen haben.

Löffel, Mützen und die Handtuchfetzen flogen nun zu dem kleinen Fenster hinaus und es begann ein Umsichtreten und Schlagen, weil wir noch nicht draußen waren, die Sachen wie­der zu holen.

Nach dem Hinlege- und Aufstehkommando kam die Kohl­suppe. Rasches Runterlöffeln; manch einer hatte keinen Löffel und schüttete schnell sein Essen dem Nachbarn in den Napf, um ja zur gegebenen Minute fertig zu sein, um nicht dadurch wieder aufzufallen und neuen Schikanen ausgesetzt zu sein. Als beim Antreten einige Mützen fehlten, waren Köpfe mit Beulen statt mit Zebramützen das Resultat der mittäglichen Exekution.

Kein Buch, keine Zeitung, kein geschriebenes Wort, kein harmonischer Laut, kein friedliches Gespräch, keine Entspan­nung, kein ruhiges Atmen. Schnell und hastend, bitter schmer­zend an Körper und Seele war die Losung, was das Verstrei­chen der frühen Morgenstunden, des langen Vormittags, des unerträglichen Mittags und des bevorstehenden Nachmittags. In keinem Kopfe konnte sich mehr anderes rühren wie Ge­danken um das unmittelbare Schicksal, die eigene Not und Erbärmlichkeit.

Niemand wußte, wie ihm geschah, ob das noch Erdenleben oder schon die leibhaftige Hölle war. Und doch wußte Pironje anzudrohen, daß es für viele, die er schon genau kenne, viel schlimmer käme. ,, Ihr lebt ja hier im Sanatorium, heute Nach­Vorgesetzter aus den Reihen der Häftlinge, vielfach verbre­

* Capo cherische Rohlinge.

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