Druckschrift 
Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
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Ein SS- Mann tritt auf uns zu, verbietet die Unterhaltung und heißt jeden von uns in zwei Meter Abstand aufstellen und Kniebeugen machen, bis die anderen zurück sind.

Jetzt erscheint der kleine, dicke Häftling, der uns geführt hatte, aber wir sind nur noch acht. Die zwei anderen sahen wir, von einem SS- Mann verfolgt, vor uns weg dem Tor zu­eilen, und als wir selbst das Tor passierten, wußte die Wache schon, daß diese schon hindurchgegangen waren. Man sah sie dann rechts am Tor stehen, wo wir damals standen, als wir ankamen. Sie erwarteten eine Lagerstrafe, irgend etwas für sie Ungünstiges mußte sich herausgestellt haben. Später hörte ich, daß sie einen falschen Häftlingswinkel aufgenäht hatten, dieser letzten Kontrolle der politischen Abteilung nicht ent­gingen und dem Lagerkommandanten gemeldet wurden.

Der eine von den beiden war mir schon bekannt, ein Arzt aus Wiesbaden . In den kurzen Momenten, die es zuließen, hatte ich manches Wort mit ihm ausgetauscht und habe erfahren, daß er von einem Patienten beschuldigt war, ihn gelegentlich einer Visite unsittlich berührt zu haben. Er war verheiratet, hatte Kinder und hatte daher seiner Ansicht nach nichts zu befürchten, auch als der Prozeß gegen ihn lief. Den Prozeß gewann er auch. Er war Spezialist für Tropenkrankheiten und freute sich wieder seines Berufes, als plötzlich zwei Ge­stapobeamte in seiner Praxis erschienen, ihn schlankweg mit­nahmen; ohne weitere Verhandlung wurde er nach einem langen Transport durch halb Deutschland von Untersuchungs­gefängnis zu Untersuchungsgefängnis endlich nach Sachsen­hausen gebracht. Im Alex jedoch wurde ihm eröffnet, daß er sich anderen Untersuchungshäftlingen gegenüber staatsfeind­lich geäußert hätte und dafür zu büßen habe. Er gab mir auch zu verstehen, daß er sich erinnere, über seinen Fall und die rigorose Art des Dritten Reiches mit einem Insassen des Untersuchungsgefängnisses Moabit gesprochen zu haben, und daß ihm nachher von den anderen Untersuchungshäftlingen gesagt wurde, er sei einem SS- Spitzel in die Hände gefallen, der schon viele aus dem Untersuchungsgefängnis ins Lager gebracht habe.

Für mich war in dieser Sekunde das raffinierte Doppel­spiel der Methode klar. Hier hatte man keine Handhabe, ihn als Homosexuellen zu brandmarken, dort wurde er als politi­scher Verbrecher festgehalten. So meldete er bei der Einlie­

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