Druckschrift 
Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
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genug Fantasie besaßen, einfach irgend etwas zu sagen, um sich weiterer Schläge zu erwehren."

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,, Das sind die Märtyrer der Wahrheit, die für ihre Über­zeugung gestorben sind", sagte ich zu Otto. Ob wir die an­deren wohl im Revier mal aufsuchen können?

Der Grünberg tat mir besonders leid, er hatte mir seine Geschichte erzählt; er hatte früher einen kleinen Textil­betrieb und durfte anfänglich, obwohl er Jude war, in seinem Betrieb als zweiter Geschäftsführer tätig sein, zumal seine Frau arisch war. Nun kam eine gesetzliche Bestimmung oder Verfügung heraus, wonach es Juden untersagt wurde, Klein­tiere zu halten. Eines Tages aber brachte seine Frau, die ihre Schwester aufgesucht hatte, einen Vogelbauer mit einem Kana­rienvogel nach Hause, den sie solange betreuen wollte, bis die Schwester von einer Reise zurückgekehrt war. Längst war er nicht mehr zweiter Geschäftsführer in seinem früher eigenen Betrieb, sondern einfacher Arbeiter am Webstock, und da erschien eines schönen Tages die Gestapo und nahm das Vogelhaus mit, als ganzes Ergebnis der Haussuchung in dem kleinen Wohnraum, der ihm mit seiner Familie verblieben war. Er wurde bezichtigt, das Verbot der Kleintierhaltung überschritten zu haben. Naturgemäß verteidigte er sich, daß nicht er den Vogel, sondern seine Frau, die arisch war, im Hause hielt und versuchte schon bei der Vernehmung den Fall klar zu legen.

Die Antwort war eine viehische Mißhandlung während die­ses Verhörs und Überweisung ins Konzentrationslager. Grün­berg sagte mir noch, daß er seine beabsichtigte Erklärung bei dem Lagerkommandanten mit den Worten ,, ich weiß nicht wieso" anfing und weitersprechen wollte, als er wuchtige Schläge auf seinen Händen verspürte und der Lagerkomman­dant schon zum Nächsten geschritten war. Nun bekam der alte Mann die 25 Stockschläge für den kleinen Kanarienvogel, dem seine Frau sorgend Obhut gewährt hatte. Grünberg lag, sich in fürchterlichen Schmerzen windend, in einem sogenannten Revier des KZ! Eine Einrichtung, von der wir später noch hören werden. Er starb an der Ruhr und an den Folgen der Hiebe, und mir ist nur das silberweiße Haar in Erinnerung, die korrekte, feine und stille Art des Mannes, seine ruhige Sprechweise, wenn er zu jemand Vertrauen hatte, und seine Bescheidenheit, in welcher er nicht einmal die später im gro­

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