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Gestapo-Häftling 52478 aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen / Bert Utsch ; Vorwort von Bert Irving ; Zeichnung des Buchtitels und der Bildeinlage von Max Pöppel
Entstehung
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dazwischen nur einige junge, kräftige Gestalten. Man hat ihnen die Stöcke, die Prothesen und alles, was sie brauchen, eben bei der Einkleidung abgenommen. Nun bewegen sie sich hilflos, voller Angst und Entsetzen, voller Bangen und Herz­klopfen, zu dem befohlenen Platz. Sie sollen in einer Reihe aufmarschieren.

Da fängt einer an, laut zu brüllen. Die Laute sind aber nicht verständlich, es muß ein Ukrainer oder Russe sein: da­zwischen hört man laut und deutlich: ,, Hilfe, Hilfe, ich kann nicht mehr, ich will nicht, macht was ihr wollt!"

Es sind die eben vor der Türe zu Fall Gekommenen, von denen einer nur einen Fuß und keinen Stock hat und sich lei­chenblaẞ vorwärts bewegt. Der andere, ein alter Mann, der beim Aufruf in schwere Atemnot geraten ist, hat offenbar einen schweren Asthmaanfall bekommen...Ihr Schweine seid die Suppe nicht wert und die gute Aufnahme, die Ihr hier gefunden habt, denn keiner von Euch dürfte noch am Leben sein, wenn es nach dem Rechten ginge!", brüllt der Pironje.

Er richtet die nun aufgestellten Menschen aus, immer mit Hilfe seines gefürchteten Stockes, mit dem er erst wild und wahllos dazwischenschlägt, dann aber die Einzelnen traktiert, wenn sie nicht schnurgerade stehen. Noch ist keiner daran gewöhnt, in den plumpen Holzpantinen, die sie nun das erste Mal tragen, zu laufen. So ist jeder Schritt eine Qual. In dem dünnen Mantel, der außer einem zerrissenen Lagerhemd zu­nächst die einzige Bekleidung des zitternden Körpers ist, kann sich keiner wie sonst im normalen Leben bewegen.

Während des Antretens werden die am Vorabend mühsam aufgenähten Nummern und Kennzeichen der Schutzhäftlinge abgerissen und jeder, dem dies passiert, wird mit schallenden Ohrfeigen bearbeitet und darauf verwiesen, die Nummer und das Häftlingszeichen so, wie es der Pironje will, an den Mantel zu nähen. Woher aber die Nadel, woher den Faden nehmen? Das weiß keiner! Angstvoll überlegt man schon, wie man es machen soll, diese Utensilien zu erlangen, ohne dabei geschlagen zu werden, denn der Schrecken vom Vorabend, als es galt, sich lagerfertig zu machen, steckt jedem der Zittern­den, Hungernden und Frierenden in den Gliedern.

Dies ist der erste Tag. Nun werden in diesem hermetisch abgeschlossenen Hofraum Marschübungen gemacht und die mühsam wankende Kolonne von 200-300 Mann bewegt sich

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