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Halt Wacht im Dunkel / Hiltgunt Zassenhaus
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,, Er gab den Bogen leer zurück. Er will nicht wieder nach draußen."

Nach weiteren fünf Jahren erhält er die Erlaubnis, zu zeichnen. Etwas später gibt man ihm Farben, Pinsel und Leinwand. Er schaut auf keine der Postkarten, die er als Vorlage bekommt. Er malt Meer, Himmel, Boot und Fischer.

,, Sehen Sie einmal genauer hin!" sagt der Grüne und tippt auf das Bild, das einen Sonnenuntergang über dem Meer darstellt.

Es fällt mir wie Schuppen von den Augen. ,, In Wirklichkeit ist es ja ganz anders!"

Grelle und zarte Farben sind auf dem Bild so seltsam verzerrt und ge­mischt, wie ich sie nie in der Natur gesehen habe. Das Meer ist nicht grau, grün oder blau, sondern violett, giftrot, braun oder ockerfarben. Nur ganz entfernt klingt es noch an die Wirklichkeit an. Die Farben sind wie ein entstelltes Antlitz. Der sich spiegelnde Sonnenglanz auf dem Meer gleicht gespenstischem Mondlicht.

,, Er malt aus der Erinnerung," erklärt der Grüne und greift sich ge­wichtig an das Koppel. ,, Wenn man so lange drinnen ist

"

Sind wir nicht alle ,, drinnen"? Ist mein Blick nicht ebenso starr geworden wie der des Fischers? Sehe ich nicht auch nur noch in die eine Richtung, auf das eine Ziel?

-

Wir sind gleich jenem Fischer. Fühllos geworden, nur noch einem Ge­danken verhaftet, Gefangener einer Vorstellung: der Sehnsucht nach Be­freiung! Was haben wir verloren? Alles, was einmal das Leben lebenswert gemacht hat: beschwingte Sorglosigkeit, die, dem Leben Glanz verlieh jenen Glanz, der immer fahler wurde. Sichere Geborgenheit, in der unser Lebensschiff wie auf einem breiten Strom geruhsam dahinglitt. Musik, Farben, Kunst! Berauschendes Gedankengut großer Gestalten einst gab es uns Kraft, daß wir glaubten, die Sterne vom Himmel holen zu können. Nun ist die Musik verklungen, die Farben sind verblichen. Worte, einst wahrhaft empfunden, tönen uns in den Ohren wie der blecherne Klang einer Schelle

-

Ich weiß, alles, was ich verioren wähne, lebt. Es muß aber sehr weit fort von mir sein, denn ich nehme es nicht mehr wahr. Ich höre nur noch die Stimme der Gegenwart. Sie hämmert Jahr um Jahr die eine Frage: Wann?

Die Augen sehen nur das eine Ziel. Werden sie, wenn es einmal er­reicht ist, starr sein wie heute? Werden sie je wieder schauen lernen? Werden sie erstrahlen können im Glanz der aufgehenden Sonne oder er­schrecken über die Gewalt des sturmbewegten Meeres? Werden sie sich jemals wieder ruhig schließen in einer stillen Mondnacht? Wird Herz und Sinn sich noch einmal eins fühlen können mit Gott und der Welt?

Oder werden wir gleich dem Fischer verzichten? Zu erstarrt, um noch um die Gnade bitten zu können, dem Leben zurückgegeben zu werden?

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