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Halt Wacht im Dunkel / Hiltgunt Zassenhaus
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Zitternd führt er das Glas noch einmal zum Mund. Das Bier sickert her­unter. Das Tuch wischt nach.

,, Ich bin krank," murmelt der alte Mann. ,, Ich wollte ihn noch einmal sehen. Es ist mein einziger Sohn."

,, Mein einziger Sohn ist an der Front," sagt der Wirt. ,, Den sehe ich auch nicht." Er zuckt mit den Achseln und verstummt. Unter den schrägen Augen sind tiefe Schatten. Er sah viele kommen und gehen.

Sein Blick schleicht sich hinüber zum Stammtisch am anderen Ende der Gaststube. Dort spielen einige Grüne Karten. Er gähnt und sieht zur Uhr; es ist bald so weit.

,, Wieder ein Tag vorüber!" Er streicht an den Tischen vorbei und klimpert mit dem Geld.

Meine Gefangenenarbeit wächst immer mehr an. Daneben bereite ich mich zum Physikum vor. Entweder bin ich auf Reisen, oder ich besuche die Vorlesungen an der Universität. Während des Alarmes lese ich Gefangenen­briefe. Die alarmfreien Stunden am Nachmittag benutze ich zu den not­wendigsten Besorgungen in der Stadt die ,, Bestellzettel", die ich von jedem Gefangenenbesuch mitbringe, sind lang!

In den ersten Tagen des Juni kommt mein jüngster Bruder auf Urlaub. Über ein Jahr lang habe ich ihn nicht mehr gesehen. Als ich ihn wieder­sehe, fällt es mir schwer auf die Seele, wie wenig ich an ihn dachte, und wie selten ich ihm schrieb. Ein Zug in seinem Gesicht verrät mir, daß er leidet. Es ist nicht die immer noch schmerzende Verwundung, die er sich zu Beginn des Feldzuges in Rußland zugezogen hat. Er ist als Arzt im Osten. Über seine Erlebnisse spricht er nicht viel. Nur einmal sagt er: ,, Wenn ich nicht so handelte, wie es mir mein Gewissen vorschreibt, könnte ich nicht mehr leben!"

Ein Telegramm ruft ihn vorzeitig zurück.

Wieder stehen wir auf dem Bahnhof. Es ist dunkel wie damals zu Anfang des Krieges. Doch jetzt liegt kein Lächeln mehr auf den Gesichtern. Alle Stimmen sind gedämpft. An einem der Fenster des langen Zuges steht Will­fiied. Neben und hinter ihm andere Soldaten; bleiche, ernste Gesichter.

Willfried beugt sich vor und sagt leise zu mir: ,, Nun war ich zum letzten­mal zu Hause!"

,, So darfst du nicht denken!" antwortete ich.

,, Ich weiß, daß es so ist." Dann wendet er sich zu meiner Mutter. Er reicht ihr die Hand und sagt: ,, Der Geist, in dem wir erzogen wurden, wird leben, Mutter!"

Der Zug rollt aus der Halle. Langsam gehen wir dem Ausgang entgegen. Ich bemerke, wie das Schild: ,, Nach Krakau " heruntergelassen wird und ein neues Schild herausklappt: ,, Nach Paris ".

Ich bin stumm. Dabei weiß ich, meine Mutter braucht mich. Ich müßte etwas sagen, aber ich stehe noch ganz unter dem Eindruck der Erkenntnis, die beim Abschied über mich gekommen ist: Ich habe etwas versäumt. Ich

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