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Halt Wacht im Dunkel / Hiltgunt Zassenhaus
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Bi unauffällig in der Mitte der Liste aufgeführt ist. Es ist der Name eines dänischen Juden. In der dänischen Post, die ich bis jetzt zensiert habe, fiel er mir auf.

Ganz wohl ist mir nicht, als ich dem Grünen die Listeübergebe. Es ist N strengstens untersagt, Juden zu besuchen. Doch wie schon so oft

zuvor so auch diesmal: Wir wollen helfen, und uns wird geholfen. Der diensthabende Wachtmeister wird plötzlich abgerufen und gibt eilig die Liste, ohne sie zu lesen, an einen Hilfswachtmeister weiter. Im Davongehen ruft er noch:Hol die Leute heran, wenn du Bescheid bekommst!" Der ist doch Jude! Der Hilfswachtmeister zeigt auf den gelben Stern än der Schwarzen Uniform.

Sonderauftrag! entgegne ich ruhig. Doch ich vergesse nicht, ne ein- mal zu ihm auf den Gang zu gehen, um ihm Zigaretten in die Hand zu EN drücken.Sonderzuteilung!

Juden im Zuchthaus!Wir sind die glücklichsten Menschen der ganzen Anstalt! sagt der jüdische Gefangene.

Sie bekommen vom niedrigsten Kostsatz noch etwas abgezogen, sie

werden in einer Sonderstrafabteilung zusammengefaßt. Aber die Mauer

schützt sie vor der Gaskammer, denn die Gestapo hat sie vergessen. Es ist ein Irrtum, ein Versehen. Jeden Morgen wandern dieSterne in einem Ring für sich. Eines Tages wird vielleicht irgendeiner darüber fallen. Er wird Meldung machen. Eine Verfügung wird erlassen, und es ist vorbei. Einstweilen jedoch danken sie Gott dafür, daß sie hier sein dürfen. Welch eine Zeit, in der man Gott dankt, im Zuchthaus zu sein!

Die dänischen Gefangenen sprechen zu uns wie zu alten Freunden. Un-.

schwer zu erraten, weshalb! Jeder kommt mit Grüßen von norwegischen Kameraden.

Dann kommen die ersten Frühlingstage, blauer Himmel und duftende Erde, Die Luft atmet Freiheit; wieder regt sich die Hoffnung. Als wir vor dem Tor des Rendsburger Zuchthauses stehen und den altertümlichen Glockenzug ziehen, sage ich zum Pfarrer:Wenn es doch das letztemal i wäre!":

id; Der Winter ist lang gewesen. Wir haben geduldig gewartet. Wir haben viele Koffer getragen, Bücher, Brot und Medikamente. Freundlichkeit und Wahrheit, Minuten der Freiheit. Zahllose Alarme. Lange Fahrten im Zug und ein düsterer Himmel, dessen Finsternis nur durch flackerndes Schein- werferlicht oder zerplatzende Leuchtkugeln aufgehellt wurde. A Die zarte Bläue dieses ersten Märztages ist unwirklich. Diesseits und a jenseits der Mauer ist es dunkel. Wir gehen über den Hof; er ist leer. Wir R| kommen zur Innentür. Blechern klingt von innen das Gebimmel der"Glocke H zurück. } Was geht auf dem Gang vor? Undeutlich erkenne ich durch das matte Glas viele Gestalten.

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