Übermüdet sitze ich am nächsten Tag im Zug. Nachts habe ich kaum geschlafen. Doch ich zweifle nicht man Die Arbeit wird fortgesetzt— um jeden Preis!
Ich will versuchen, Klarheit zu schaffen. Wenn die Gestapo gewußt hat, daß ich auch in der Rendsburger Anstalt arbeite, muß ihr irgend jemand dort über mich berichtet haben. Falls es so ist, gilt es, die Gefangenen zu warnen.
Um zehn Uhr donnert der’Zug über die Brücke. Wenige Sekunden ‚später taucht der massive, gelbe Bau auf. Wir stehen auf dem Gang am Fenster. Da— da ist der Hof! Aber— wo sind die Gefangenen? Der Hof ist leer. Ich sehe den Pfarrer an. Das Anstältsleben ist auf Minuten eingeteilt. Immer, wenn der Zug um zehn Uhr vorbeibraust, gehen sie auf dem Hof im Ring. Wie könnte es anders sein, als daß ich den leeren Hof mit meiner Vorladung bei der Gestapo in Zusammenhang bringe? Heute erscheint mir alles möglich, und doch ist es mir unvorstellbar; denn wer. vermöchte wohl den Zeiger der Zuchthausuhr zu verrücken?
Der Pförtner am Tor grüßt nicht so freundlich wie sonst.„Heil Hitler !” Dann verstummt er. Der Pfarrer wirft mir einen fragenden Blick zu.
Selbst wenn die Gestapo oder irgend jemand in der Anstalt etwas über mich herausgefunden hätte, könnte es der Pförtner nicht wissen. Doch die Angst kriecht in mir hoch; sie ist eine Krankheit, die schleichende Ver- giftung langer Jahre.
Wir werden in das Arbeitszimmer des Oberinspektors geführt.„Sie müssen warten. Herr Oberinspektor ist beim Chef.“
Noch nie war der Oberinspektor beim Chef, wenn wir kamen. Der leere Hof, der amtliche Gruß beim Pförtner und nun das Warten im Zimmer des Oberinspektors— das alles verdichtet sich zu dem einen Gedanken: Es ist etwas geschehen; man hat etwas über den Pfarrer und mich in Erfahrung
. gebracht.
Von. der Uhr des Zuchthausturmes tönen elf Schläge herüber. Das Zimmer ist überhitzt von dem der Zentralheizung vorgebauten Kanonen- ofen. Trotzdem friert mich. Greif liegt neben mir im Korb und atmet in merkwürdig schweren Stößen. Kaum sind die Schläge der Uhr verstummt, erhebt er sich— macht einen gurgelnden Laut und— erbricht sich. Auf dem ausgefranzten, grauen Teppich liegt eine grüne Lache.
Einen Augenblick vermag ich zu lächeln. Mir kommt es vor, als stehen Greifs Gurgeln‘und seine plötzliche Erleichterung in irgendeinem Zu- sammenhang mit meiner seelischen Verfassung.
Die Tür öffnet sich. Der Oberinspektor tritt ein. Ist sein Gesicht ernster als sonst, oder scheint es mir nur so?„Gut, daß Sie kommen!‘ sagt, er. „Wir haben Sie schon erwartet."
doch etwas gegen mich unternommen? Die scheinbar äußere Ruhe, die mir
noch gestern im grauen Zimmer des Patrizierhauses zu Gebot stand, ver-
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