„Übrigens“, fährt der Oberinspektor fort,„kam gleichzeitig mit Ramm noch ein anderer norwegischer Strafgefangener auf das Lazarett. Auch Tuberkulose. Sie liegen zusammen.”;
Es ist gut, daß es auf dem Gang halb dunkel ist. Meine Augen machen mir zu schaffen. Die große steile Kinderhandschrift hat sich mir in die Seele geschrieben:—„Mach Dir keine Sorgen um mich,:Mama!"—
_ Frederiks Krankenlager beginnt. Björns Tuberkulose ist noch im An- fangsstadium. Er wird Frederiks treuer Zellenkamerad. Sind wir in Rends- burg, so gilt unser erster Gang dem Lazarett.:
Anfangs will Frederik nicht, daß wir zu ihm kommen. Er betritt das Besuchszimmer, auf Björn gestützt.„Ich werde wieder gesund", sagt er. Doch es geht immer langsamer. Schon bald müssen wir zu ihm an das Krankenbett gehen.
Vor jeder Reise sehe ich die Briefe, die ich zur Zensur geschickt be- kommen habe, durch. Vielleicht ein Brief für Frederik oder Björn?
Der Pfarrer beantragt die Sendung von Paketen. Aber auch für Kranke wird es nicht genehmigt.„Das Reglement———.”
Wir bringen ihnen mit, soviel wir können. Wir ziehen mit Koffern über Treppen und Brücken zum ersten Stock in das Lazarett.
„Von meinem Luftschutzgepäck trenne ich mich nie” sage ich zu den Grünen, wenn sie befremdet unsere Lasten betrachten. i . Nie sage ich es vergebens. Sie werden lebhaft und fragen:„Auch aus- gebombt?'"' Denn in’ dieser friedlichen, kleinen Stadt lebt die Vorstellung, daß man nicht Hamburger sein kann, ohne alles verloren zu haben.
Meine Mutter backt Kuchen. „Weißt du, so einen, wie wir ihn zum Geburtstag bekamen." Die Zutaten’ sind nicht mehr so gut wie damals, aber der Kuchen wird mit derselben Liebe gebacken, als sei er für die eigenen Söhne, die nun nur Jahr für Jahr wenige Tage auf Urlaub zu Hause sind. i.
Am liebsten möchte Björn Obst haben. Das ist schwer zu beschaffen. Wie froh bin ich, als mich eines Tages der Oberinspektor geheimnisvoll zur Seite nimmt und mir einen Korb voll Äpfel schenkt.
„Aus dem eigenen Garten—, sagt er freundlich.„Für Sie. Ich weiß ja, ihr in der Stadt———. 3
„Wer noch so froh aussieht wie Sie—'‘, sagt der Sanitäter etwas gräm-
lich, als er die Tür der Krankenzelle wieder hinter uns schließt.
Doch eins können wir ihnen nicht geben— die Freiheit! Sie ist es, nach der sich Frederik und Björn am meisten sehnen. Und vielleicht— vielleicht———! Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Das Reglement er- laubt zwar nicht, Kranken Lebensmittel und Apfel zu bringen. Es enthält aber eine Verfügung:„Für an Tuberkulose erkrankte Strafgefangene kann Straf- aussetzung beantragt werden.” Allerdings sollen sie einer deutschen Heil-
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