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Einzelne nicht immer für die Wahrung der Mu einsetzen— auch wenn die Gesamtheit versagt?
Mir wird offenbar, wie wenig die Menschheit um diese Aufgabe weiß, wie sehr sie sich ihrer eigenen Würde beraubt hat. Ist diese Entpersön- lichung zur Masse nicht schon so weit vorgetrieben, daß die menschliche Gesellschaft nur vom Individuum ausgehend neugestaltet werden kann?
Die Buchstaben im Buch vor mir, die beim Abschweifen verschwimmen, setzen sich wieder zu Worten zusammen. Ich bin bei der Physik, beim Spektrum! Eine Tafel gibt es farbig. wieder. Ich sehe darauf, aber die Gedanken sind nicht dabei. Die grelle Gegenwart macht mich unruhig. Ich lösche das Licht und öffne das Fenster.
Weiche Sommernacht erfüllt das Zimmer. In der Luft surrt es leise. Es ist Krieg und nicht einmal in mir selbst ist Frieden.
Nur noch zwei Tage bis zur Prüfung. Der Vorsatz, mich ausschließlich der Vorbereitung zu widmen, ist schon durchbrochen.\ Wir sind im Untersuchungsgefängnis. Wir besuchen einen Rechtsanwalt,
der wegen„antifaschistischer Umtriebe“ seit achtzehn Monaten in Unter-
suchungshaft ist. Hat man ihn vergessen? Erst zweimal ist er verhört worden.
Selten nur besuchen wir Untersuchungsgefangene, da die meisten Skan- dinavier im eigenen Land von deutschen Kriegsgerichten abgeurteilt oder aber ohne Strafverfahren in ein KZ geschickt werden.
Das Untersuchungsgefängnis ist die‘ Durchgangsstation zwischen „draußen“ und„drinnen“. Die Luft ist noch nicht‘ so verstaubt und hoff- nungslos grau wie im Zuchthaus. Sie ist unruhiger— zwischen Hoffen und Zweifeln flackernd. Sie ist erfüllt von dem ersten Schock der Ab- sperrung und des Eingeschlossenseins.
Sie kommen herein, noch in Zivil. Ein Grüner führt sie durch mehrere Stockwerke über lange Gänge. Aufnahme— Warten in der Kartei— Be- fragung nach den Personalien.
„Stehen Sie stramm, wenn wir mit ihnen sprechen!"
Die Personalien werden abgegeben. Irgendwo in der dicken Kartei
tauchen sie unter, Die neuen Personalien werden ausgegeben: Zelle und Nummer.:
Wieder geht es über die Gänge. Eisenvergitterte Türen werden aufge- schlossen. Der lange Schlüssel fährt in eine der Zellentüren.
Jeden Tag öffnen und schließen sie viele Türen. Gelangweilt hält der Grüne sie nur so weit auf, daß der„Neue von draußen“ Bingen kann. Krachend fällt die Tür zu. Er ist drinnen.
Unstet wandern die Augen des Rechtsanwalts vom Pastor zu mir, von mir zum Pastor. Er beginnt von seinem Fall-zu sprechen, ohne daß wir ihn fragen. Er schildert ihn uns mit einer Eindringlichkeit, als ob von uns
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