le
ne
lie’
en im
N.N.-Gefangene sind nur„Gäste” im Zuchthaus. Die Gestapo hat sie dort einquartiert. Sie unterstehen zwar dem Zuchthausreglement, aber nur die Gestapo hat über ihr Schicksal zu verfügen.
Die Gestapo hat einen langen Arm. Vor der Gestapo sind alle gleich— sitzt du nun hinter der Zellentür oder stehst du davor in der grünen Uni- form. Die Wachtmeister sind die einzige Verbindung zwischen N.N.-Ge- fangenen, und Strafgefangenen oder der Außenwelt. So ihnen ihr Leben lieb ist, werden sie schweigen.
Und doch! Und doch! Nichts ist vollkommen— weder die Wachsam- keit der Gestapo noch die Isolierung der N.N.-Gefangenen. Je höher die Mauer, je stiller die Zelle, desto vielfältiger sind die verborgenen Kanäle, durch die die Nachrichten zu den Gefangenen dringen.
Zuchthausgefangene lesen keine Zeitung. Sie hören kein Radio. Sie wissen aber ebenso gut wie du und ich, was draußen vor sich geht. Ja, manchmal sogar besser! Im Zuchthaus schwirren Gerüchte. Kluge Prophe- zeiungen werden früher oder später zur Tatsache.
Im Laufe der Jahre gab ich den Gefangenen wohl über hundertmal ein und: dieselbe Antwort:„Vierzehn Tage zu früh!”
Und so ist es wirklich! Im Zuchthaus eilen sie allen Vor- oder Rück- märschen an der Front, allen Ereignissen in der Politik vierzehn Tage
voraus.
„Stimmt es, daß die Russen Nikolajew zurückerobert haben?“
„Vierzehn Tage zu früh!”; i
Zwei Wochen später trifft es wirklich ein.
Welchen Grad der Vollkommenheit die Isolierung der N.N.-Gefangenen erreicht hat, beweist, daß die Strafgefangenen, die im gleichen Zuchthaus sitzen, nur von ihnen ahnen! Das Gespenst der Gestapo wacht über Wacht- meister und Gefangenen.,
Nie spricht ein Wachtmeister zu mir von einem N.N.-Gefangenen. Lange Gespräche führe ich späterhin mit den Gefangenen über Politik. Wir ver- trauen einander, wir sind Freunde. Sprechen wir aber von N.N.-Gefan- genen,. dann senken sich die Stimmen. Und nie hörte ich, daß ein Straf- gefangener das Wort„N.N.-Gefangener” aussprach.
Sie nennen sie ‚anders. Statt„N.N." sagen sie„Nacht und Nebel“!
Der Sommer wird drückend heiß. Ich verbringe ihn in der Baracke, im Zuchthaus oder im Bunker.{
Vormittags bin ich Medizinstudentin und höre Vorlesungen'in der großen Anatomiebaracke der Universität. Nachmittags bin ich Zensorin und lese Gefangenenbriefe, oder ich überwache hinter Mauern Gefangenen- besuche.-
Es könnte zu einem Doppelleben werden. Ich empfinde es aber als un- trennbare Einheit.
87


