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Halt Wacht im Dunkel / Hiltgunt Zassenhaus
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Weiter fort von Schülp muß ein Gewitter heruntergegangen sein, denn der Himmel wird heller gegen Abend. Der Zug steht da, als wir am Bahn­hof angekommen. Wir können gerade noch hineinspringen. Da pfeift schon der Mann mit der roten Mütze.

Der Zug rollt durch Wiesen und Knicks, durch sattes, sommerliches Grün. Schon nach wenigen Minuten entdecken wir, daß wir die verkehrte Richtung gewählt haben. Statt nach Hamburg , sind wir in den Zug nach Norden gestiegen. Rendsburg ist erst' die nächste Station, an der wir wieder aussteigen können..

Wir stehen im Gang und sehen aus dem Fenster. Graublau schimmern die Wolken. Die dicke Decke reißt auf. Der Zug donnert über die Rends­ burger Brücke. Tief unter uns liegt der Kieler Kanal. Da tritt die Sonne hervor und hüllt das Wasser und die kleine Stadt Rendsburg in goldenen Glanz.

,, Sehen Sie dort!" sagt der Pfarrer und zeigt auf einen weitausladenden, gelben Backsteinbau. Sternförmig gebaut, von einer hohen Mauer um­geben, liegt er eingezwängt in die friedliche Stadt. Es ist ein Zuchthaus.

Wie oft bin ich, wenn ich nach Dänemark fuhr, über die Rendsburger Brücke gefahren. Ich sah den Kanal, wenn er blau war, wenn er sich kräuselte vom herunterrinnenden Regen, oder wenn das Wasser glasig wurde unter starrer Kälte. Doch den vergitterten Backsteinbau und die hohe, gelbe Mauer entdecke ich an diesem Abend zum erstenmal.

Wir sehen, wie der Hof menschenleer daliegt. Tot und unbewohnt wirkt das Zuchthaus vom Zuge aus. Aber ich weiß, daß hinter jedem Gitter ein Gefangener sitzt..

,, Vielleicht sind sie hier?" meint der Pfarrer.

1940 wurde ein Schiff mit 200 Norwegern an Bord gekapert. Sie woll­ten nach England fliehen. Sie wurden nach Deutschland gebracht und wer­den seitdem verborgen gehalten. Niemand weiß, wo. Keinerlei Nachricht gelangte jemals von ihnen nach Norwegen . Wo hält man sie versteckt? Sind sie überhaupt noch am Leben?

,, N. N.?

Vielleicht" flüstert der Pfarrer.

Wir verstummen, denn wir sind nicht allein auf dem Gang.

N. N. Gefangener. Wer wagt es, dies Wort laut auszusprechen! Wenige kennen es. Nur Eingeweihte wissen, was es bedeutet. Aber ihnen ist auch bekannt, welche Strafe laut Führerbefehl denen droht, die auch nur das Wort ,, N. N. Gefangene" gegenüber Uneingeweihten fallen lassen.

N. N.! Das ist das Losungswort der Gestapo zur Entpersönlichung eines Menschen. In den besetzten Gebieten und im Reich verhaftet die Gestapo alle diejenigen, die sie aus dem öffentlichen Leben zu entfernen wünscht. Sei es, daß sie einer antifaschistischen Partei angehören, daß sie im poli­tischen, kulturellen oder wirtschaftlichen Leben eine Rolle spielen oder daß

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