,, Wie? Krank?" Ibel stößt Holger beiseite. ,, Gestern konnten die beiden noch arbeiten. Heute wird es ebensogut gehen."
Ibel geht einige Schritte vorwärts und brüllt: ,, Antreten!"
Langsam setzt sich der graue Zug in Bewegung. An den Holzpantinen klebt noch die Lehmkruste vom Abend zuvor.
Kaum merklich hat sich die Luft abgekühlt.
Ibel hält das mit Stacheldraht umwickelte Holztor weit auf. Der Zug geht an ihm vorbei. Die Gefangenen sehen, wie seine Backenzähne eine saugende Bewegung machen. Aus der breiten Lücke in den Vorderzähnen trieft brauner Sud, Priem.
Der Zug schleppt sich in der breiten, ausgefahrenen Spur des Weges. In der Mitte gehen Reidar und Pelle. Holger und ein anderer Kamerad stützen sie.
Da stolpert Reidar. Schwer fällt er zu Boden, tief wühlt sich das Gesicht in den lehmigen Grund.
Der Zug kommt ins Stocken.
,, Steh auf, Reidar!" Holger versucht, ihn emporzuzerren.
Aber Reidar stöhnt nur: ,, Vorbei!"
Aus der hintersten Reihe löst sich Ibel und springt herzu: ,, Was ist los? Steh auf, Kerl!"
Noch ist die Wegbiegung nicht erreicht. Von der Baracke her kommt die verschlafene Stimme von Hauptwachtmeister Wenck: ,, Was ist los?" ,, Einer der Norweger ist umgefallen, Herr Hauptwachtmeister." ,, Mach ihm Beine!"
,, Jawohl, Herr Hauptwachtmeister."
Und die Langschäfter stürzen sich auf Reidar. Die Stiefel treten zu. Treten, treten. Nehmen Rache für lange Jahre im Moor, für ein ganzes verwildertes Dasein, für die nun kleiner gewordene Tabaksration am Sonntag. Sie zertreten das letzte glimmende Leben.
Die braune Erde schweigt. Stumm sehen die anderen Gefangenen zu. Ibel kommandiert: ,, Weitergehen!"
Zögernd setzt sich der Zug in Bewegung.
Nur Pelle bleibt zurück. Er kniet in der tief ausgefahrenen Spur des Weges und versucht, den zertretenen Körper neben ihm auf die Seite zu legen Er flüstert: ,, Reidar! Reidar!" Da öffnet Reidar noch einmal die Augen.
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Aus der Baracke ist Wenck getreten und hat sich den beiden genähert. In der Hand hält er die glühende Zigarette. Er fühlt, wie sich zwei Augen auf ihn richten. Sie schimmern nicht weißlich! Es sind vom Tode gezeichnete Augen. Wie gebannt bleibt Wenck stehen. Diese Augen! Er spürt, wie sie ihn durchbohren, umfassen und wie sie durch ihn hindurchgehen.
Aber Reidars Augen erkennen nicht mehr, daß es Wenck ist. Der Sterbende erschaut das Unsichtbare. Er sieht vor sich Scharen, Heere, Legio
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