zu beanstandenden Stellen in den Briefen zu streichen, und es muß in meinem Ermessen liegen, anzuzeigen oder nicht."
Die Augen des Chefs treten noch mehr hervor. Auf der Stirn bilden sich dicke Wülste.
Noch einmal Stillschweigen, dann sagt der Chef: ,, Gut! Ich nehme Ihre Bedingungen an. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß noch kein Dolmetscher sie mir gestellt hat. Aber Sie wissen ja genau so gut wie ich, welche Strafe auf Nichtbefolgung der Vorschriften steht!"
Einige Tage später bekomme ich einen grünen Polizeiausweis ausgehändigt. Ich lächele, als ich den gesperrt gedruckten Vermerk auf der Rückseite lese: Inhaber ist gemäß§ 18 des Waffengesetzes vom 18. 3. 1938 berechtigt, Waffen zu tragen.
Ein neuer Abschnitt in meinem Leben beginnt. Er dauert drei Jahre. Erst bin ich Dolmetscherin für dreihundert Strafgefangene im Zuchthaus Hamburg . Im Laufe der Zeit werden es mehr als achthundert, die in allen Teilen Deutschlands in Zuchthäusern und Lägern gefangengehalten werden.
Die Briefe sind lange unterwegs. Vier Wochen von Oslo nach Ham burg . Fährt das Schiff so langsam? Rollen die Züge im Schneckentempo? Im Jahre 1942 ist das Verkehrswesen des Dritten Reiches noch unzerstört.
Wenn Briefe nur sprechen könnten! Wieviele geheimnisvolle Zeichen decken den Briefumschlag! Da ist ein Brief aus Finnmarken. Schon vier Monate alt. Die mit ungelenken Buchstaben gemalte Anschrift ist kaum noch zu entziffern, so viele Vermerke trägt der Brief, so ausgewaschen ist er von seltsam gefärbten Streifen.
Mich schrecken diese Vermerke und Zeichen nicht, da ich ihre Bedeutung kenne. Nicht umsonst habe ich über zwei Jahre in der Briefprüfstelle in Hamburg gearbeitet. Ich kenne jede Zahl, jedes Zeichen, jede Vorschrift.
Briefe, die die Gefangenen aus dem Zuchthaus schreiben, kommen zuerst zu mir. Ich lese sie und muß sie dann weiterleiten an die Briefprüfstelle in Hamburg , wo sie nochmals geprüft werden.
Die Briefe der Angehörigen gehen den Weg umgekehrt. Erst werden sie von der Briefprüfstelle gelesen, dann weitergeleitet an das Zuchthaus, und etwas später bekomme ich sie zur Zensur. Etwas später! Manchmal dauert es nur Tage. Oft aber bleiben die Briefe wochenlang in der Amtsstube des Zuchthauses liegen.
,, Keine Zeit! Keine Zeit!" sagt der Wachtmeister, dessen Aufgabe darin besteht, die Briefsendung für mich fertigzumachen. Habe ich dann die Briefe gelesen und schicke sie wieder zurück an das Zuchthaus, kann es abermals Tage oder Wochen dauern, ehe die Briefe aus der Amtsstube in die unmittelbar nebenan befindliche Briefkartei gereicht werden. ,, Keine Zeit! Keine Zeit!"
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