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Halt Wacht im Dunkel / Hiltgunt Zassenhaus
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Juni 1940. Der Blitzkrieg geht seinem Ende entgegen. Ich bin in der Universität. Der norwegische Lektor soll eine Vorlesung halten. Er läßt auf sich warten.

Da endlich öffnet sich die Tür. Atemlos kommt er herein: ,, Entschuldi­haben Sie schon ge­gen Sie die Verspätung! Aber bevor ich beginne hört? Sie haben Paris eingenommen!"

Paris gefallen tärisches Ereignis, nein dennoch siegen?

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vor meinen Augen verschwimmt alles. Kein mili­Symbol der zerbrochenen Freiheit! Sollten sie Ich breche in Weinen aus. Die anderen Studenten sehen auf mich. Einige sind erstaunt. Andere werden unruhig. Doch es gibt auch solche, die verstehen. Einer kommt zu mir und gibt mir die Hand.

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Zum Herbst werde ich in der Briefzensur als Dolmetscherin angestellt. Ein Teil der von mir zu zensierenden Briefe ist von Juden geschrieben, die nach dem Osten verschickt worden sind. Noch dürfen sie Briefe schreiben ins Ausland, doch lautet für uns die Anweisung: Judenbriefe, in denen geklagt oder um Zusendung von Zeug und Lebensmitteln gebeten wird, sind zu vernichten. Es kommt kaum ein Brief, der nicht zerrissen werden muß.

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Aber das wird jetzt anders! Fortan werden die Briefe mit hinaus­genommen sie erreichen ihr Ziel. Jeden Tag verlasse ich die Dienst­stelle mit einer vollen Handtasche. Wunderbar ist es, wenn ich nach vielen Wochen lese, daß ein Paket angekommen ist.

Eines Tages fällt mir ein Brief in die Hand, der an meine jüdische Freundin in Kopenhagen gerichtet ist. Ein naher Verwandter von ihr ist der Absender. Er ist im Ghetto in Litzmannstadt. ,, Schicke mir, wenn Du Wieder kannst, Zeug und Essen!" bittet wie alle anderen auch er. starre ich auf die Anschrift. Wie es ihr wohl geht? Seit der Besetzung von Dänemark hat sie nicht mehr geschrieben. Ob sie wohl meinen Rat Oder ist sie noch in befolgt hat? Ist sie nach Schweden geflüchtet? Dänemark ? Noch ist den dänischen Juden nichts geschehen. Doch es wird kommen. In ihren Reden haben ,, sie" es angekündigt, und hierin pflegen sie Wort zu halten!

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Es ist Zeit zum Gehen. Wieder ein Tag vorüber. Wie viele Tage werde ich noch von denen, die in Ghettos leiden, Briefe lesen? Mechanisch wan­dert der Blick zum Kalender 19. August.

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Habe ich nicht an diesem Tage mit meiner Freundin in England im Telephon gesprochen? Es ist genau vor drei Jahren gewesen.

Und plötzlich geht etwas Unerklärliches vor sich. Ganz aus der Ferne

höre ich wieder ihre Stimme: ,, Und gib acht auf dich!"

Die Hand, die noch den Brief hält, sinkt herunter. Die Schublade wird wieder aufgeschlossen. Die Handtasche wird geleert. Alles wird zurück­gelegt, während ich denke: morgen. Mir ist unwirklich dabei zumute ob ich träume.

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